Kategorien: "HeimatForschung"

Land-Zeitung, 23. März 1938: Amtsenthebungen, Festnahmen, Feste, Beförderungen, Luis Trenker

Januar 17th, 2012

Am 23. März 1938 heißt die Zeitung nur noch „Land-Zeitung“, das „Niederösterreichische“ wurde schon aus dem Namen getilgt. Auf Seite 9 ist der Aufruf des Gauleiters Bürckels groß angebracht, in dem er ein „überwältigendes Ja“ zum Anschluss an Deutschland bei der Volksabstimmung am 10. April fordert. Darunter befinden sich folgende Lokalmeldungen:


Gmünd.
Die neue Zeit. Bürgermeister Henebichler wurde seines Amtes enthoben. Auch der Obmann des Fürsorgerates mußte seine Funktion zurücklegen. Am 14. d. wurde wieder eine Winterhilfe verteilt. Am 15. d. erhielt jeder arme Arbeitslose ein Kilogramm Schweinefleisch unentgeltlich. Von allen Gebäuden wehen die Hakenkreuzfahnen. Am 14. d. fand eine Kundgebung mit Fackelzug statt. Noch nie hat Gmünd eine solche Riesenmenge von Menschen gesehen. Drei Musikkapellen spielten. Die Fenster waren beleuchtet und man sah viele Hitlerbilder und Büsten. Gmünd zeigte wieder, daß es eine deutsche Stadt ist.

Ein freudiges Ereignis. Dieser Tage kehrte der Storch beim hiesigen Zahntechniker Herrn Sepp Schälß in Gmünd 2 ein und brachte einen kräftigen Jungen. Herr Schälß ist hier einer der treuesten, stramsten (so!) Nationalsozialisten. Wie bekannt wurde er vom früheren Regime verfolgt, sein Geschäft gesperrt, wurde zu einer Kerkerstrafe von einem Jahr verurteilt und erlangte nur durch die Amnestie wieder die Freiheit. Es ist ihm eine doppelte Freude, daß sein Sprößling gerade während der größten Zeit geboren wurde. Wir beglückwünschen unseren lieben Gesinnungsgenossen und seine junge Frau zum ‚Thronfolger‘. Mutter und Kind fühlen sich wohl! Heil Schälß!

Grenzsperre. Am Samstag, den 12. D. wurde die Grenze gegen Tschechien gesperrt. Der Erfolg war für die Gmünder Bäcker ein überraschender. Am Sonntag war in Gmünd kein Laib Brot zu haben und die Bäcker mußten am Sonntag backen. Sie haben seit langer Zeit nicht so viel Brot verkauft als jetzt. Der Grund war, daß die Leute kein Brot von Tschechien herübertragen konnten.

Deutsche Sportvereinigung. Die Hauptversammlung des Vereines findet Montag, den 28. d. im Gasthause Ludwig Fegerl, Gmünd 1, statt. Beginn 7 Uhr. Es ist Pflicht eines jeden Mitgliedes, zu dieser wichtigen Versammlung unbedingt zu erscheinen.

Mit besonderer Freude wurde in Gmünd die Nachricht aufgenommen, daß Herr Hofrat Dr. Hans Vogel jetzt die Leitung des Präsidiums der n.ö. Landesregierung übernommen hat. Herr Hofrat Dr. Vogel war gerade zur Besetzungszeit Bezirkshauptmann in Gmünd und ist allen Personen in bester Erinnerung, da er sich stets als deutschgesinnt und sehr human bekannte und seine Gerechtigkeit besondere Anerkennung verdient. Die Gmünder werden seiner in Ehren und Dankbarkeit gedenken.

Eingesperrt wurde der hiesige Sohn des Josef Schwarz, da er sich in nicht wiederzugebender Weise über die jetzige Bewegung ausdrückte. Auch andere ‚Standespersonen‘ wurden in Schutzhaft genommen, einige aber nach kurzer Zeit wieder entlassen. Bei dem früheren Regime hätten sie nichts zu lachen gehabt, wenn sie sich so verhalten hätten. Frau Birgfellner (Riehl) welche wegen nat.-soz. Betätigung seinerzeit als Postbeamtin entlassen wurde, wurde wieder beim Postamte Gmünd 2 eingestellt. Wie überall, wurde die Gemeinde, Sparkasse, Fürsorge usw. von den Nationalsozialisten übernommen und die früheren Amtswalter enthoben. Überall aber ging man äußerst human vor. Unsere früheren SS- und SA-Männer waren sofort zur Stelle und versehen ihren Dienst. Von Deutschland sind SS-Männer nach Gmünd per Auto gekommen, welche in ihren schmucken Uniformen Aufsehen erregen. Auch die jüdischen Rechtsanwälte stehen unter Aufsicht. Auch die jüdischen Ärzte erhielten eine Aufschrift, damit Fremde sie als Juden erkennen. Auch die Kanzleien der Juden Friedmann und Pollak stehen unter Aufsicht. Doktor Glaser ist bereits von Gmünd abgefahren. Der frühere Heimatschützer Dr. Michl wurde zu drei Monat Haft verurteilt, da er sich in unanständiger Weise gegen die Bewegung aussprach.

Von der Bezirksgewerbestelle Gmünd. Zum kommissarischen Obmann der Bezirksgewerbestelle Gmünd wurde Pg. Ing. Anton Leyrer bestellt, der täglich zwecks Auskünfte im Sekretariat in Gmünd anwesend sein wird (9 bis 10 Uhr). Die Kanzleistunden des Sekretariates sind unverändert geblieben. Täglich von 8 bis 12, und 1 bis 5 Uhr und werden in dieser Zeit Auskünfte erteilt und die normalen Amtsgeschäfte erledigt. Die Geschäfte der Zünfte werden von kommissarisch bestellten Sachwalter weitergeleitet. Der bisherige Bezirksgewerbesekretär Pg. SA-Scharführer Dr. Walter Fuchs wurde nach Wien abberufen. Zum neuen Bezirksgewerbesekretär wurde Pg. Diplomkaufmann Hermann Bradler bestellt und hat derselbe seine Amtsgeschäfte bereits angetreten. Bei einer Besprechung der kommissarisch bestellten Sachwalter dankte Pg. Ing. Leyrer Pg. Dr. Fuchs für seine Tätigkeit für das deutsche Handwerk des Grenzbezirkes, welche Tätigkeit trotz schärfsten Druckes immer im nationalen Sinne entfaltete. Insbesondere aber dankte er ihm für die unermüdliche Tätigkeit für die Bewegung durch die ganze Verbotszeit.

Gesundung. Der hiesige Gastwirt…

Stadtkino. Heute, Mittwoch 23. d., 3 Uhr, die lustige Filmkomödie ‚Spiel an Bord‘. Sonntag, den 27. d., halb 3, 5 und 8 Uhr, und Montag, den 28. d., 8 Uhr Luis Trenkers gewaltigste Filmschöpfung ‚Der Berg ruft‘. Der Film ist jugendfrei!


NÖ Land-Zeitung, 2. März 1938: Rückforderung der an die Tschechoslowakei gekommenen Gemeinden

Januar 15th, 2012

Im Lokalteil für Gmünd findet sich der Beitrag:


"Angst. Der 12. Feber, welcher die politisch hochwichtige Aussprache bzw. Übereinkommen der beiden Staatsmänner Dr. Schuschnigg und Hitler brachte, scheint manchen Grenzler von drüben in die Glieder gefahren zu sein. Allerlei Gerüchte von der Rückgabe der uns von den Tschechen genommenen Gebiete (12 Gemeinden) durcheilen unsere Stadt. Gewiß ist aber das eine sicher: Eine Grenzrevision ist für uns notwendig; die deutsche Bevölkerung, welche seinerzeit vertrieben wurde, verlangt diese. Hoffentlich kommt es auch in absehbarer Zeit zu einem gerechten Ausgleich in dieser Hinsicht. Die Ungerechtigkeiten müssen aus der Welt verschwinden und dazu gehört auch unsere Grenzfrage. Daß die 'Demokraten' drüben verschnupft sind, ist ja nach den letzten Ereignissen begreiflich. Sie werden sich aber mit der gegebenen Tatsache abfinden müssen und damit zu rechnen haben. Was deutsch war, soll wieder deutsch werden, das ist eine gerechte Forderung aller, die die Gerechtigkeit lieben. Die Zeit wird auch darüber Klarheit bringen. Eine neue Zeit ist angebrochen! Ein Vertriebener."


NÖ Land-Zeitung, 16. Februar 1938: Amnestie für Illegale NSler

Januar 15th, 2012

Die Zeitung titelt mit "Schuschnigg bei Hitler. Ein Besuch auf dem Obersalzberg."

Im Lokalteil für Gmünd findet sich die interessante Kurzmeldung:


"Amnestie. Auch für Gmünd wirkte sich die letzterlassene Amnestie aus. Einige Gmünder, welche wegen illegaler Betätigung in Haft waren, wurden aus derselben wieder entlassen. Sie waren zu drei Monaten Anhalt verurteilt."


Augenzeugenbericht von Emmy Mahler, einer angesehenen jüdischen Frau aus Gmünd

Januar 8th, 2012

Dr. Georg Mahler, der Ehemann von Emmy Mahler, war Leiter der Firma Bobbin in Gmünd gewesen, welche 9 Angestellte und 103 Arbeiter beschäftigte. Im Jahr 1938 wurde er auf schändliche Art entlassen, die Familie musste unter widrigsten Umständen über Wien in die Dominikanische Republik und weiter in die USA flüchten. Emmy Mahler schrieb eine Art Tagebuch über die ganzen Ereignisse, auch noch über ihre heile Welt vor dem Nationalsozialismus in Gmünd, über den Umbruch 1938 und wie hart es den Gmünder Juden damals erging. Lizzy Jalkio, die Tochter von Georg und Emmy Mahler, hat den Text, den sie als Brief von ihrer Mutter erhalten hatte, unter dem Titel "Jeder Tag ist ein Abschied" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Erlebniserzählung im Internet: Erinnerungen. Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus S. 20

Christine Werner hat den packenden Stoff in ihrem Roman "Wien ist nicht Chicago" verarbeitet.

Zu den genaueren Umstände der Arisierung der Fa. Bobbin siehe: Bobbin Holzwarenfabriks AG. In: Ökonomie der Arisierung, Band 2, S. 682-685

NÖ Land-Zeitung, Krems, 16. März 1938

Januar 7th, 2012

In nächster Zeit möchte ich gerne Dokumente zur Geschichte des Nationalsozialismus im Gmünder Bezirk ausheben und einige davon hier veröffentlichen. Es soll ein Beitrag zur bisher kaum erfolgten Aufarbeitung dieses unheilvollen Kapitels unserer Geschichte werden. Es würde mich freuen, wenn sich einige Leute anschließen und sich mit mir an dieser Aufgabe beteiligen!

Lange habe ich gedacht, dass kaum etwas veröffentlicht wurde in unserem Bezirk. Die Gmünder Zeitung gibt es noch nicht so lange, andere Zeitungen schien es auch nicht gegeben zu haben, bis ich auf die "NÖ Land-Zeitung" stieß, die in Krems herausgegeben wurde. Die "Land-Zeitung" war eine Wochenzeitung für ganz Niederösterreich, Gmünd wird wie den anderen Bezirken jeweils eine eigene Rubrik vom Umfang einer halben Seite aufwärts gewidmet.

Den Anfang machen nun zwei Artikel aus dieser Zeitung, und zwar aus der ersten Ausgabe nach dem Einmarsch Hitlers.  Die Artikel wurden deswegen ausgewählt, weil sie ganz unmittelbar einen ersten Eindruck in die Stimmung der ersten Stunde des Nationalsozialismus in unserer Heimat geben.

Zur Einordnung der Quelle: Die Zeitung begrüßt überschwänglich die quasi über Nacht eingetretenen neuen Umstände. Getitelt wird mit:

Deutschösterreichs Heimkehr ins Reich. Zusammenbruch der ‚vaterländischen‘ Volksfrontpolitik Schuschniggs. – Das Volk steht auf – der Sturm bricht los! – ‚Ein Volk – ein Reich – ein Führer!‘ – Adolf Hitler in seiner Heimat. – Volksabstimmung am 10.April‘

Als Ausdruck der völligen Zustimmung zu den neuen Verhältnissen wurde bereits in dieser Ausgabe das Hakenkreuz in den Titelschriftzug des Zeitungsnamens eingefügt!

Hier die Originalartikel:


Kundgebung. Auch in Gmünd fand am 6. d. eine Freudenkundgebung zum Berchtesgadener Frieden statt. Mehr als 1000 Nationalsozialisten veranstalteten am Stadtplatze einen Bummel. Als die Massen in Sechserreihen marschieren und nationale Lieder sangen, ersuchte die Gendarmerie, den Zug aufzulösen, da das geschlossen Marschieren nicht gestattet sei. Die Kundgeber befolgten ruhig die Anordnung und marschierten nun in losen Gruppen weiter.

Nationalsozialistische Volkskundgebung. Nach dem Rücktritt des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg fand in den späten Abendstunden auch in Gmünd eine große Kundgebung statt. Tausende von Nationalgesinnten aller Stände, jung und alt, zogen unter Absingen von nationalen Liedern und lebhaften Heil Hitler und Sieg-Heil-Rufen durch die Straßen von Gmünd 1 und 2. Unübersehbar war der Zug. Gmünd hatte eine so gewaltige Kundgebung noch nie gesehen. Die Begeisterung der Massen hatte keine Grenzen. Alte Leute umarmten sich und brachen in Jubelrufe aus. Am Stadtplatze sprach der nat.-soz. Kreisleiter begeisterte Worte zur Menge und geißelte den Verrat. Mit rauschenden Sieg-Heil-Rufen antwortete die Menge. Nach Absingen des Horst-Wesselliedes und des Deutschlandliedes zerstreute sich die Menge. Ruhe und Disziplin wurde gewahrt, streng wurden die Worte des Führers befolgt. Am Morgen wehen von d. Häusern Fahnen, darunter sehr viele mit dem Hakenkreuz. Die Geschäfte waren von Fahnenstoffen ausverkauft. Die Arbeiterkammer, bei der Waffen gefunden wurden, wurde gesperrt und der Leiter in Schutzhaft genommen. Auch andere kom. Führer wurden verhaftet. Die Gendarmerie und Miliz trägt Armbinden mit dem Hakenkreuz. Gmünd zeigte, daß es in der überwiegenden Mehrheit nationalsozialistisch ist. Sieg-Heil!


Berchtesgadener Frieden: Gemeint ist wohl das unter Druck zustande gekommene Abkommen, das beim Treffen Hitler-Schuschnigg am 12. Februar 1938 auf dem Berghof am Obersalzberg unterzeichnet wurde: Freie Betätigung der österreichischen Nationalsozialisten, stärkere Einbindung von Nationalsozialisten in die öst. Regierung.

Rücktritt Dr. Schuschnigg: 11. März