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Der Löschungsantrag im OÖ Landesarchiv: Sondergerichte Linz, Schachtel 1127

Januar 5th, 2012

Reg. A 3 – 168 / 15

Eingelangt am 6. November 1935

[2 Schilling Stempelmarke]

An das löbliche Landesgericht in Linz.

Friedrich Winterberg derzeit wohnhaft in Wien III., Weyergasse 7
Eugen Winterberg, Wien III., Moosgasse 3
als Gesellschafter der offenen Handelsgesellschaft Löwy & Winterberg Mauthausner Dampfsäge

stellen instehenden Antrag auf Löschung der Firma aus dem Handelsregister.

Die Firma Löwy & Winterberg hat eine stille Liquidation vorgenommen, in deren Verlaufe sämtliche Aktiven der Firma realisiert und zur Begleichung der Passiven verwendet wurden.

Die gefertigten Gesellschafter haben sich daher auf der Auflösung der Firma und deren Löschung aus dem Handelsregister geeinigt. Da wir die Vermögensverhältnisse untereinander geregelt haben, beantragen wir:

Das löbliche Landesgericht möge die Firma Löwy & Winterberg Mauthausner Dampfsäge Hauptniederlassung in Prag unter der Firma Löwy & Winterberg, Zweigniederlassung in Mauthausen aus dem Handelsregister löschen.

Wien, am 4. November 1935.

Friedrich Fritz Winterberg
Eugen Winterberg

[30 Groschen Stempelmarke]

B.R.Z.982/1935

Die Echtheit der vorstehenden Unterschriften der Herren Friedrich (Fritz) Winterberg Wien III., Weyergasse 7 und Eugen Winterberg, Wien III., Moosgasse 3 (*), beide Gesellschafter der offenen Handelsgesellschaft Löwy & Winterberg Mauthausner Dampfsäge, wird bestätigt.

Wien, am 4. November 1935
Dr. Max Lindner, öffentlicher Notar, Wien Brigittenau


*) Es dürfte sich dabei um "Weyrgasse" bzw. "Mohsgasse" im 3. Wiener Gemeindebezirk handeln. In der Mohsgasse 2 befand sich die von Adolf Loos gestaltete Wohnung des Schwiegervaters von Eugen Winterberg, Alfred Kraus!

Löwy und Winterberg in Österreich schon 1935 aufgelöst

Dezember 23rd, 2011

Nun ist es definitiv: Die in Linz protokollierte "Löwy & Winterberg, Mauthausner Dampfsäge" mit dem Sitz in Mauthausen wurde am 8.11.1935 auf Antrag der Gesellschafter im Firmenbuch gelöscht und aufgelöst.

Wer die einzelnen Besitzungen von Löwy und Winterberg in Österreich erworben hat, darüber ist mir noch nichts bekannt.

Vielleicht war alles doch ganz anders – und die ganze Arisierungstheorie ist Humbug!

Dezember 7th, 2011

Seit ich an der Sache dran bin, versuche ich mehr über die ehemaligen Eigentümer aus den Familien Löwy bzw. Winterberg über das Internet herauszufinden. Mich hat immer schon gewundert, warum nicht – wie etwa bei der Firma Bobbin in Gmünd – nach dem Krieg Eigentümer oder deren Nachfahren um die Rückstellung des arisierten Besitzes bzw. um Entschädigung gekämpft haben. Also machte ich mich auf die Suche nach dem Verbleib der handelnden Personen.

Die meisten Treffer hat man, wenn man nach „Eugen Winterberg“ sucht. Man findet unter diesem Namen den Autor verschiedener Schriften über das Freimaurertum, man findet einen Eugen Winterberg als Mitglied verschiedener Logen und man findet ihn mehrfach als Autor schöner und gebildeter Artikel in der Londoner Exilantenzeitung „AJR. Information issued by the ASSOCIATION OF JEWISH REFUGEES IN GREAT BRITAIN“ in den 60er Jahren. Liest man den Beitrag „PRAGUE MEMORIES“ vom November 1961, dann liegt die Vermutung schon sehr nahe, dass das unser Mann ist, Eugen Winterberg, Gesellschafter der Firma im Jahre 1928!

Aber in seinen Artikeln erwähnt er nie eine Tätigkeit bei der Firma Löwy und Winterberg, und so blieb es immer nur bei der vermuteten Identität. Ich habe heute in der Nationalbibliothek im Buch „Unsere Bausteine sind die Menschen: die Mitglieder der Wiener Freimaurerlogen (1869 - 1938)“ von Günter K. Kodek endlich den Missing Link zwischen dem Londoner Publizisten und dem Prager Manager Eugen Winterberg gefunden:

Winterberg, Eugen (im Exil Winterburgh) (*27.September 1890 Prag als Sohn von Friedrich W., = 21. Jänner 1967 Maida Hill [England]) 1912-34 Gesellschafter des Dampfsägewerks Löwy & Winterberg in Prag, 1914-18 Kriegsdienst, …

Das ist unser Mann! Gleich danach sind seine hochrangigen Mitgliedschaften bei diversen Logen aufgezählt: Prager Loge Hiram zu den drei Säulen, Ehrenmitglied bei Pariser Logen, Gründungsmitglied der Prager Loge Adoniram zur Weltkugel, 24. Juni 1950 Wechsel in die Londoner Mozart Lodge No. 6997. Nach Eugen Winterberg wird auch Friedrich W., dessen Vater, als Freimaurer gelistet.

Aber was ich vorhin übersprungen habe, wirft vielleicht die ganze Arisierungstheorie über den Haufen. Da steht nämlich auch noch über Eugen Winterberg:

…1914-1918 Kriegsdienst, 1934 Liquidation der Firma, lebt ab 1935 ohne Vermögen in Wien als provisorischer Angestellter seines Schwiegervaters, Inhaber der Vereinigten Papier- und Ultramarinfabriken AG, emigr. nach England …

Wenn das richtig ist, dann wäre die Firma schon Jahre vor der Errichtung des Reichsprotektorates Böhmen und Mähren und ganz ohne Zutun der Nazis zugrunde gegangen, vielleicht ganz einfach wegen des Zusammenbruchs der Nachfrage nach Schnittholz in den langen Jahren der Weltwirtschaftskrise!

Wer hat aber dann ab 1934 die Besitzungen in Österreich und unser Sägewerk im Speziellen übernommen? Es scheint momentan sehr unwahrscheinlich, dass es wieder jüdische Besitzer waren und man weiter von einer Arisierung ausgehen müsste.


Eugen Winterberg: „PRAGUE MEMORIES“ (Seite 8 der Zeitung)

Nach dem Krieg einfach erschwindelt?

November 25th, 2011

Während bisher in allen Verkaufsverträgen immer nur von den Grundstücken die Rede war, niemals von Gebäuden und Maschinen, wird plötzlich nach dem Krieg so getan, als würde man das ganze Sägewerk rechtmäßig von der bösen „Ostmärkischen Holzverwertung KG“ des Ing. Timmel zurückbekommen. Im Rückstellungsvertrag vom 22. Dezember 1948 heißt es nämlich:

Die Ostmärkische war Eigentümerin des Sägewerkes Joachimstal

Diese Aussage ist durch keinen grundbücherlichen Vertrag belegt, und trotzdem ging sie im Jahr 1948 einfach so durch? Die Taktik ist perfide: Man stellt sich selbst als Geschädigter dar und holt sich im Zuge der Rückabwicklung gleich noch ein ordentliches Stück jüdischen Eigentums dazu. Die Vorbemerkung des Rückstellungsvertrages zeigt diese Eigensicht sehr deutlich:

Die seinerzeit bestandene Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung wurde unter der Herrschaft des Nationalsozialismus in Österreich nach zwangsweisem Ausschluß für dieses Regime untragbarer Genossenschafter in eine Kommanditgesellschaft unter der Firma Ostmärkische Holzverwertung Dipl. Forst-Ing. Timmel Kommanditgesellschaft im Wege eines am 20. Oktober 1941 abgeschlossenen Gesellschaftsvertrages, in welchem die Genossenschaft ihr gesamtes Vermögen (Aktiven und Passiven) als Kommanditeinlage eingebracht hat, umgewandelt. An die Stelle der Genossenschaft traten nach deren Auflösung die Genossenschaftsmitglieder als Kommanditisten.

Mit 31. Juli 1945 wurde die Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung wieder ins Leben gerufen, ein neuer Genossenschaftsvertrag errichtet und die Genossenschaft im Firmenregister des Handelsgerichtes Wien registriert. Die Ostmärkische Holzverwertung Dipl. Forst-Ing. Timmel Kommanditgesellschaft, im Folgenden kurz Ostmärkische genannt, hatte Ihr Vermögen, welches aus dem Vermögen der seinerzeit bestandenen Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung, im Folgenden kurz Verkaufsbüro genannt, bestanden hat, an das Verkaufsbüro rückzuleiten und sich nach Durchführung einer stillen Liquidation aufzulösen. In diesem Sinne hat denn auch der öffentliche Verwalter der Ostmärkischen seine Tätigkeit ausgeübt und eine Reihe von Aktiven der Ostmärkischen an das Verkaufsbüro gegen volle Vergütung übertragen, und zwar mit Wirksamkeit für den 1. August 1945 als den Stichtag für die Liquidationseröffnungsbilanz der Ostmärkischen.

Zu den an das Verkaufsbüro übertragenen Aktiven gehört unter Anderem auch das Sägewerk Joachimstal.

Die Bauwerke veranschlagt man mit etwa 39 000 Schilling, einen Ochsenstall mit 2 000 S, bewegliche Sachwerte mit 30 000 S, was einem Gesamtwert von etwa 71 000S entspricht. Demgegenüber sollen zufällig genau so hohe Verbindlichkeiten gestanden haben, die ebenfalls übernommen wurden, und es musste kein einziger Groschen gezahlt werden. So finden wir im Grundbuch Gmünd den bekannten Eintrag:

25. Juni 1949, 236.
Auf Grund des Rückstellungsübereinkommens vom 22. Dezember 1948 wird das Eigentumsrecht einverleibt für die Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung zur Gänze

Interessant wäre der wahre Wert der Grundstücke, Bauwerke und Mobilien schon! Später finden wir im Grundbuch Pfandrechte einverleibt, die bis zu 2,5 Millionen Schilling hoch gehen, und das in Zeiten, in der das Sägewerk längst abgetragen war und nur noch Grundstücke und Wohnbauten belehnt werden konnten!

Interessant wird auch werden, wer das andere beträchtliche Eigentum der jüdischen Besitzer Löwy und Winterberg in Österreich geraubt hat! Es handelt sich dabei um Werte in Zusammenhang mit der Flötzerei an Salza und Enns, um das wirklich große Dampfsägewerk in Mauthausen und um das 290 ha (!) große Landgut Oberhammer mit Herrenhaus und Wirtschaftsgebäuden in Ritzenedt in der Mühlviertler Gemeinde Weitersfelden. Wir finden zum Glück den ganzen Besitz schwarz auf weiß mit Fotos in der Denkschrift aus dem Jahre 1928 aufgelistet!

Welche Firmen profitierten von der Arisierung?

November 18th, 2011

Spärliche Grundinformationen zu den an der Arisierung beteiligten Firmen findet man in „Lehmann's Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger“, der online unter http://www.digital.wienbibliothek.at/ abrufbar ist.

Hier der Eintrag zum „Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer“ in der Ausgabe des Jahres 1938, der den Stand vor dem Anschluss wiedergibt:

Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer, reg. Gen. M. b. H., I. Schauflergasse 6. Vorst. Mitgl.: Otto Braun, Hermann Berchtold, Johann Blöchl, Rudolf Colloredo-Mansfeld, Werner Deibl, Ing. Alfred Deuse, Ludwig Fahrnberger, Ing. Felix Feest, Hans Gablenz-Thürheim, Dr. Stefan Herber-Rohow, Rudolf Hoyos, Ing. Heinrich Lorenz-Liburnau, B.Minister Peter Mandorfer, Friedrich Mantler, Ing. Stefan Majtenyi, Johann Obermoser, Dr. Ing Fritz Paul, Ing. Hans Stiefler, Oek. Rat Oskar Stiepan, Dr. Jakob Stoiber, Dr. Sepp Stotter u. Fanz Thurn-Valsassina. Koll. Prok.: Ing Rudolf Timmel u. Karl Weber. Zwei Vorst.Mitgl. od. ein Vorst.Mitgl. und ein Prok. zeichn. koll. Gen. 19, 79

Die „Genossen“ haben sehr bekannt klingende Namen und dürften großteils der besitzenden Klasse bzw. dem früheren Adel entstammen, teils handelt es sich um höchst einflussreiche Agrarpolitiker des Ständestaates mit naturgemäß christlichsozialer Parteiangehörigkeit, wie bei Johann Blöchl (1934- 1938 Vertreter bäuerlicher Interessen im Bundeswirtschaftsrat) oder bei Peter Mandorfer (CS, Vaterländische Front, 1936-38 Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft). Die Schauflergasse 6 liegt übrigens nur wenige Schritte vom Bundeskanzleramt entfernt und beherbergt heute noch Landwirtschaftskammer und diverse andere Agrarinstitutionen. Wir haben es also ursprünglich nicht mit einer kleinen Agrargenossenschaft dreier Bauern aus dem Bezirk sondern mit einem Agrarverband direkt aus dem Machtzentrum des austrofaschistischen Wien zu tun.

Nach dem Anschluss ist der Vorstand der Genossenschaft allerdings radikal dezimiert bzw. ausgewechselt, wie der Eintrag des Jahres 1939 zeigt:

Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer, reg. Gen. M. b. H., III. Schwarzenbergplatz 6. Vorst. Mitgl.: Hermann Berchtold, Josef Doppler, Josef Lutz, Alois Matschnigg, Ing. Hans Stiefler. Koll. Prok.: Ing Rudolf Timmel u. Karl Weber. Zwei Vorst.Mitgl. od. ein Vorst.Mitgl. und ein Prok. zeichn. koll. Gen. 19, 79

Diese Namen muss man alle einzeln überprüfen. Hermann Berchtold könnte der SA-Brigadeführer und Parteigenosse Hermann Berchtold sein, der als kommissarischer Verwalter in mehreren Firmen eingesetzt war, Alois Matschnigg eventuell der Bürgermeister von Güssing 1939 - 1945. Rudolf Timmel ist noch immer Prokurist, mit ihm dürften die Nationalsozialisten kein Problem gehabt haben, im Gegenteil, er wurde für weitere schwierige Aufgaben als verlässlich genug eingestuft. Über Google-Books findet man ihn etwa 1942 in Zusammenhang mit Berchtold als Verhandler in Kroatien, wo es um deutsche "Beteiligungen" an der Našicer Tanninfabrik & Dampfsäge AG ging (Holm Sundhaussen: Wirtschaftsgeschichte Kroatiens im nationalsozialistischen Grossraum).

Die gleichgeschaltete Genossenschaft wurde überdies aus dem alten österreichischen Regierungsviertel in ein Bürogebäude am Schwarzenbergplatz verlegt.

Im Jahr 1942 findet sie sich, umgenannt auf „Verkaufsbüro ostmärkischer Waldbesitzer“, nur noch mit den folgenden kargen Angaben protokolliert:

Verkaufsbüro ostmärkischer Waldbesitzer, reg. Gen. M. b. H., Gen. 19, 79

Prokurist Rudolf Timmel scheint 1942 dafür erstmals mit der neu gegründeten KG an der selben Adresse wie das Verkaufsbüro auf:

Ostmärkische Holzverwertung Dipl. ForstIng. Timmel und Co., Kommanditges., III. Schwarzenbergplatz 6. Pers. haft. Ges.: Dipl. Ing. Rudolf Timmel. Ein Kommanditist. HR A 10643