Kategorien: "Neue Heimat Wien"

Helene Naber, Annelies, Helli Naber-Binder, Helene Jäger (* 28. Juni 1917, + 8. März 2009)

Mai 31st, 2018

Helene Jäger, geb. Naber, stammt aus einer „deutschen, nationalsozialistischen“ Familie in Wien Hietzing, wird in ihrer Schulzeit zweimal wegen NS-Betätigung inhaftiert, 1935 nach der siebten Klasse vom bürgerlichen Gymnasium Wenzgasse verwiesen, geht mit der Mutter und ihrem Bruder ins „Altreich“, weil „es der Familie als notorischen Nationalsozialisten nicht mehr möglich [war], in Wien weiter zu leben“. Helene kommt auf Wunsch der illegalen BDM-Gebietsmädelführerin für Österreich, Herta Weber-Stumfohl, unter dem Decknamen „Annelies“ 1937 zurück und wird eine der tüchtigsten und effizientesten illegalen Untergauführerinnen Österreichs. Sie tritt, knapp 20 Jahre alt, der NSDAP Ortsgruppe Lainz bei, fährt per Fahrrad durch ihren Untergau Niederösterreich, organisiert heimlich stattfindende Fortbildungen, setzt tüchtige Gruppenführerinnen ein, baut den BDM im Untergrund so weit auf, dass am 13. März 1938 morgens 1 400 Deutsche Mädel den Reichsjugendführer am Westbahnhof in Uniform und mit Fahnen begrüßen, Deutsche Mädel, die es einen Tag vorher so noch gar nicht geben hat dürfen.

Ihre NSDAP-Mitgliedschaft, die seit 1937 besteht, wird ihr als Alt-Parteigenossin schnell anerkannt, aus „Annelies“ wird „Helli Naber-Binder“, sie wird Führerin des neu geschaffenen Obergaues Niederdonau und arbeitet unter starker medialer Präsenz zusammen mit den höchsten Repräsentanten des Regimes. Ihr Gau gibt die periodische Zeitschrift „Feldpostbrief“ heraus, die zur Motivation an alle HJ-Kameraden an der Front verschickt wird, ein gedruckter „Obergaubefehl“ ergeht im Monatsabstand an alle Führerinnen bis zu den Mädel- und Jungmädelscharführerinnen. Alle Mädelschaftführerinnen darunter erhalten den monatlichen „BDM Führerinnendienst“ mit Anleitungen für ihre Gruppenabende, an denen sich die Mädchen alle Facetten der NS-Ideologie zu eigen machen sollen. Die Begeisterung der abenteuerlichen „Kampfzeit“ ist jedoch dahin, die Mädel dürfen nicht mehr marschieren, werden nach Kriegsbeginn mit Pflichten überhäuft. Viele Führerinnen flüchten in die Ehe.

Am 1. Dezember 1940 wird auch Helli bei einer Festveranstaltung von Gauleiter Dr. Jury verabschiedet, weil sie noch im selben Monat Dr. Roman Jäger heiraten wird. Sie lebt danach mit ihm, dem ehemaligen illegalen Gauleiter von Niederösterreich, der nun Gauamtsleiter des Schulungsamtes für Niederdonau ist, in einer arisierten, repräsentativen Wohnung in der Wiener Spiegelgasse nahe dem Graben. 

Im Sommer 1944 verliert Dr. Jäger seine Unabkömmlichstellung, wird zum zweiten Mal eingezogen, kommt an die Ostfront und gilt seitdem als vermisst, eine diesbezügliche Meldung seines Kommandanten findet sich in keiner Akte.

Frau Jäger geht mit ihren zwei kleinen Kindern schon davor in die Wachau zu den Schwiegereltern, knapp vor Kriegsende flieht sie vor der Sowjetarmee mit ihrer Mutter (zuletzt Leiterin der NS-Frauenschaft Oberdonau) in die „Alpenfestung“, genauer ins später amerikanisch besetzte Gosau. Nach dem Krieg ergeht ein Haftbefehl des Volksgerichtes Wien wegen Straftaten nach §§ 8, 10, 11 Verbotsgesetz, die Gosauer Gendarmerie lässt sie auf freiem Fuß, Jäger zieht den Prozess durch Verlagerung nach Linz in die Länge, die österreichischen NS-Strafbestimmungen werden im Lauf der Zeit abgemildert, Gallenkoliken lassen Helene nie bei einer Verhandlung erscheinen, und so erreicht sie im April 1951, dass der Prozess schließlich zum einen Teil vom Bundespräsidenten niedergeschlagen, zum anderen wegen des Amnestiegesetzes von 1950 eingestellt wird, und sie von der drohenden Strafe für immer befreit ist.

Nach der Todeserklärung Ihres Mannes, die 1955 erfolgt, baut sie in einem enormen Tempo ihre Firma auf, in der sie Körbe in Heimarbeit flechten lässt. 1962 geht sie nach Weitra, wo immer mehr Frauen für sie arbeiten, 1967 beschäftigt sie schon mehr als 200 vornehmlich weibliche Heimarbeiter.

Statt der realen Lebensgeschichte kommt in Weitra die Legende der armen Landfrau auf, die ohne eine Vorgeschichte zu haben aus dem Salzkammergut gekommen ist und es allein durch ihr Geschick und ihren Fleiß zu Reichtum gebracht hat. Ihre wohlhabende Herkunft, ihre gute Schulbildung, ihre Arbeit als Mädelführerin, ihre gehobene politische Stellung und die ihres verstorbenen Mannes als Nationalsozialisten, dass sie halb Niederösterreich und das ganze Waldviertel gekannt hat, das alles wird wohl auch seinen Teil dazu beigetragen haben.

Mit dem Laserscanner über Niederösterreich

Juli 9th, 2013

Fangen wir im Gmünder Bezirk an: Auf dem Schindelberg bei Pyhrabruck befindet sich ein Wall, der angeblich aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammen soll. Auf normalen Satelliten- oder Flugaufnahmen ist er nicht zu sehen. Auf dem Laserscan aber in voller Pracht: Der Wall auf dem Schindelberg.

Einen Wall findet man auch um die ehemalige Burg und heutige Kirche Johannesberg. Unweit davon entdeckte ich einen weiteren Wall auf einem Hügel in Engelstein.

Einen tiefen Einschnitt in die natürliche Beschaffenheit der Erdoberfläche hinterlassen Sandgruben und Steinbrüche. Hier der Granitsteinbruch in Schrems.

Imposant ist auch der Canyon der Lainsitz von Roßbruck bis Altweitra.

Noch ein paar zufällig ausgewählte Wälle außerhalb unseres Bezirkes:

Ein quadratischer Wall bei Poigen/Horn rund um die Ruine Fuchsberg.  Ob dieser Ringwall schon erforscht ist: auf dem Schafberg  südlich der Königswarte befindet sich ein markanter Hügel mir einem Ringwall. Weitgehend gut erforscht ist die Geschichte des Schanzberges bei Gars am Kamp. Ob der kleine Kreiswall im Wald bei Thunau schon bekannt ist, weiß ich nicht. Natürlich findet man auf den Leiser Bergen auch einen Ringwall. Was das hier in Bergau im Wald ist, keine Ahnung, ich war noch nicht dort!

Befestigungsanlagen bei Tulln in der Au

Juli 7th, 2013

Ich war heute - nur wenige Wochen nach dem großen Hochwasser - in der Au an der Nordseite der Donau bei Tulln. Die Landschaft, aber auch vor allem die vielen Gelsen vermittelten mir das abenteuerliche Gefühl, mitten im Dschungel zu sein. Und was findet man im Dschungel? Natürlich archäologische Stätten, so auch hier!

Ich bin wieder über die Geländeaufnahme des Landes NÖ darauf gestoßen: Mitten in diesem Urwald rund um den Kopf der eisernen Tullnerbrücke verstecken sich zumindest sieben Wallanlagen, allesamt geometrisch aufgebaut, die meisten gut erhalten! Es könnten ursprünglich mehr gewesen sein, geht man von einer regrelmäßigen Anlage der Erdwälle aus. 

Hier ein Google-Earth-Overlay des Höhenscans: TullnOverlay.kmz
 
Und ein Bild von einem der Dämme:


Ringwall auf dem Schliefberg in Leobendorf

Juli 6th, 2013

Jeder kennt die Burg Kreuzenstein und den "Berg", auf dem sie thront. Weniger bekannt dürfte der Ringwall sein, der auf der südlichen Kuppe des Berges im Wald verborgen ist. Der kreisförmige Wall mit einem Durchmesser von immerhin 50m liegt scharf an der Kante zu dem steilen Abhang hinunter auf das Donauniveau.  

 
Die Wallanlage ist nicht etwa der Kreis auf der Lichtung - dort befindet sich ein Wasserspeicher - sondern liegt im Bild rechts unterhalb des Schriftzuges "Schliefberg" im Wald versteckt. Die Bilder stammen aus dem NÖ Atlas, hier ein Link dorthin.
 
Der Ring ist im Höhenscan wunderbar erkennbar, vor Ort ist die Geometrie jedoch gar nicht so einfach zu erschließen:
 

 
Zuletzt noch ein zweifelhafter Literaturhinweis, da selbst noch nicht gelesen: "Der Schliefberg bei Kreuzenstein in NÖ – eine germanische Opferstätte? Burgenländische Heimatblätter 17, 1955, 85-87."
  

Überraschung Höhenscan

Januar 12th, 2013

Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem alten Bergfried in Steinbach an der Lainsitz. Erst vor zwei Wochen bin ich auf den NÖ Atlas im Internet gestoßen und habe dort ein unglaublich interessantes Höhenmodell von Niederösterreich gefunden. Die haben mit Laser das ganze Land abgetastet und das überaus genaue Höhenmodell ins Internet gestellt. Und was das Ganze noch interessanter macht: die messen im Wald nicht bis zu den Baumwipfeln, sondern bis zum Boden. Und was dabei zum Vorschein kommen kann, sehen Sie hier am Beispiel des Bisamberges nördlich von Wien! Auf dem Luftbild ist nichts Auffälliges zu entdecken:

Aber das Höhenmodell offenbart überaus scharf und detailreich gleich mehrere historische, militärische Befestigungsanlagen. Diese sind von einer Größe, wie man sie so schnell nicht anderswo in Österreich finden wird:

Auf Wikipedia erfährt man, dass es sich um Befestigungen aus dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 handelt. Ebenfalls auf Wikipedia kann man eine Karte aus dem Jahr 1873 finden, in welcher diese Befestigungen eingezeichnet sind. Hier der entsprechende Bildausschnitt: