Kategorie: "Opfer des Nationalsozialismus"

Ungarische Zwangsarbeiter beim Fürstenberg in der Rörndlwies

Juli 16th, 2018

Ab dem März 1944, als deutsche Truppen das abzufallen drohende Ungarn besetzten, begann die planvolle Vernichtung der jüdischen Menschen auch dort. In einer ersten großen Aktion wurden bis Anfang Juli mehr als 400.000 dieser Menschen deportiert, die meisten zur Vernichtung nach Ausschwitz. Ein Viertel davon wurde zur Arbeit selektiert, die anderen sofort vergast.1

Aus dem nächsten Deportationsschub von etwa 15.000 Menschen im Juli stammten aller Wahrscheinlichkeit nach jene Personen, welche als Arbeitssklaven von der Forstverwaltung Fürstenberg in Rörndlwies eingesetzt wurden.

Es gibt über die unmenschlichen Verhältnisse in diesem Arbeitslager einen berührenden Bericht der 1936 geborenen, also zu dieser Zeit sechsjährigen Johanna Grudl aus Rörndlwies, der hier im Original wiedergegeben wird:

Ins Nachbarhaus vom Fürstenberg kamen ca. 27 Juden

Die Personen, die 15 bis 65 Jahre alt waren, mussten täglich im Wald pro Person einen Kubikmeter Holz machen, Schleifholz oder Brennholz. Es musste aufgeschlichtet werden. Am Anfang taten sich die Juden schwer, da waren Leute darunter, die vielleicht noch nie so eine Zugsäge oder eine Holzhacke in der Hand gehabt haben. Sie bekamen Blasen an den Händen. Die richtige Bekleidung hatten sie ja auch nicht. Es waren Leute dabei, wie Ärzte, einer war Apotheker. Das Wort Jude löste in mir Angst aus, bis ich sah, als sie bei uns vorbei gingen, dass sie auch so Menschen waren wie wir. Es waren drei Mädchen dabei mit so 15 bis 17 Jahren, die sind mit meinen Brüdern Schlitten gefahren. Eine fuhr einmal ans Hauseck an. Es passierte zum Glück nichts. Sie sangen mit meinen Brüdern, ein wenig konnten sie schon Deutsch. „Im Leben geht alles vorüber, im Leben geht alles vorbei; und zwei die sich lieben, die bleiben sich treu“, sangen dann die Buben.

Als dann der Schnee schmolz und die ersten Brennnesseln wuchsen, ging eine alte Frau Brennnesseln pflücken, die haben sie dann gegessen. Ich weiß heute nicht von was die gelebt haben! Bekamen sie Geld für ihre Arbeit oder sonst wo etwas? Mein Bruder Raimund hatte einmal eine goldene Füllfeder von einem Juden bekommen. Die Mutter stellte diesem Herrn alle Tage ein Häferl Milch und Kartoffel in den unteren Schuppen. Die Nachbarin durfte es nicht sehen. Bei der Nacht holte sich der Mann dann immer die Milch. Die Frau Nachbarin hatte wieder Angst vor meiner Mutter, die gab auch einem Juden Lebensmittel. Alle hatten Angst, den Juden etwas zu geben. Man konnte gleich nach Mauthausen kommen, wenn sich Deutsche mit einem Juden abgaben. Ein Jude ist hier gestorben, er wurde ganz im Eck bei der Kirche begraben. Später hat man ihn exhumiert und nach Israel gebracht.

Mein Bruder Raimund und ich mussten immer das Vieh auf die Weide bringen. Wir hatten mitten im Wald eine Wiese. Und da kamen wir zu den Juden, wo die ihre Holzarbeit verrichteten. Meine Haare waren immer zerrauft, da kämmte mich so ein Judenmädchen im Wald und schenkte mir einen kleinen Kamm, den man in ein Etui stecken konnte. Ich freute mich, aber die waren ja selbst ganz arm.

An einem Sonntagvormittag bekam bei uns die Kuh eine Frühgeburt. Die war erst sieben Monate trächtig. Die Juden haben das „Kalb“ gegessen. Eines schönen Tages kam ein Lastauto, lud die Juden auf und fort waren sie, wir erfuhren nichts mehr von ihnen.2

 „Es geht alles vorrüber, es geht alles vorbei, doch zwei die sich lieben, die bleiben sich treu“ von Kurt Feltz, bekannt geworden durch Lale Andersen, wird hier vermengt mit dem Stück „Im Leben geht alles vorüber“ von Günther Schwenn aus dem Tonfilm „Torra Kerry“ mit Marika Rökk, beides berechnende zeitgenössische Propagandaschinken.

Der hier am 5. September 1944 verstorbene Jude war Rabbiner, hieß Ignatz Csengeri und stammte aus Debrencen, sein Tod trat durch Erschöpfung ein. Im September 1967 ließ sein Sohn Jenö seine sterblichen Überreste nach Israel überführen.3

Als die sowjetischen Truppen sich der ehemaligen österreichischen Grenze näherten, wurden auch die Arbeitssklaven aus St. Martin nach Theresienstadt gebracht, wo sie am 19. 4. 1945 nach deutscher Manier ordentlich registriert wurden. Eleonore Lappin-Eppel hat die Liste der Ankommenden 2005 gesichtet und 14 Personen aus Rörndlwies namentlich eruieren können. Es handelt sich um mehrere Angehörige der Familien Csengeri, Grünhut und Seidenfeld, sowie um eine Frau Weinberger und einen Dr. Szelényi. Sie überlebten, weil Nazideutschland drei Wochen später endlich besiegt werden konnte. Falls es wirklich 27 Personen in Rörndlwies gewesen sind, fehlt die Nachricht von 12 von ihnen, ihr Schicksal ist ungewiss.

Wer für die unmenschliche Behandlung im Lager Rörndlwies direkt verantwortlich war? Irgendein Förster des Landgrafen Fürstenberg, wer Genauers weiß, sollte sich melden. Der Chef selber, Karl Egon V. Maximilian Maria Emil Leo Erwin Franziskus Xaver Johannes Fürst zu Fürstenberg, Landgraf in der Baar und zu Stühlingen, Graf zu Heiligenberg und Werdenberg würde wohl als Obersturmführer der SS auch wenig Mitgefühl mit den jüdischen "Volksschädlingen" gehabt haben.

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1) Eleonore Lappin-Eppel, Erinnerungszeichen an die Opfer des Zwangsarbeitseinsatzes ungarischer Juden und Jüdinnen in Niederösterreich 1944/45. In: Heinz Arnberger / Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.): Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung (Wien 2011) 60-86, 61f. <Online>.

2) Johanna Grudl, Erinnerungen an meine Kinder- und Schulzeit. 1942-1950 (Eigenverlag, St. Martin, 2005) 31-33.

3) Lappin-Eppel, 84.

Theresia Hochholdinger, Rossbruck

Juli 12th, 2018

Dass man wegen zweifelnder Äußerungen über die Stabilität der Reichsmark ins Gefängnis kommen konnte, musste die Rossbrucker Wirtin Theresia Hochholdinger (*14.10.1897, +11.01.1962, geb. Sommer) Ende 1942 erleben. Sie gibt nach dem Krieg in ihrem Ansuchen auf Haftentschädigung1 an, dass sie im Zug von St. Martin nach Gmünd aufgeschnappt habe, dass die Reichsmark in nächster Zeit spürbar entwertet werden soll. Sie habe dies zu Hause vor einem Gast aus Spital erzählt, worauf dieser in Weitra bei der Sparkasse sein Geld beheben ging. Der Bankangestellte Horacek erfragte den Grund für die Herausnahme des Geldes und zeigte daraufhin Hochholdinger bei der Gendarmerie Weitra an. Hochholdinger wurde zu einer dreimonatigen Arreststrafe verurteilt, die sie Anfang 1943 im Gefangenenhaus Krems über sich ergehen lassen musste.

Im Dossier im DÖW findet sich auch ein Brief, den sie am 7. März 1943 nach Hause geschrieben hat:

„Meine Liebsten! Vater zu deinem Geburts u. Namenstag wünsch ich dir alles Gute die Hauptsache die Gesundheit. Unser Glück und Freude für uns 2, J u K [?] unsern Kind ins kühle Grab. Hatte diese Woche trübe Stunden, habt keine Blumen auf Grab getragen. Liebste Frieda, schau nach was wir für Gartensamen brauchen, damit du kaufen kannst, Petersilsamen bekommst schwer, frag halt Anna Tante. Vergesst nicht auf die Erbsen - in Lagerhaus nicht.

Besten Dank für Brief und Strümpfe. Karl Onkel und Gusti Tante haben mich besucht. Ich bin gesund was ich auch von euch hoffe. Was gibt es sonst neues. Hilde besorge die Säcke für Rositante. Wer mich einmal holt soll mir Geld mitbringen auch Augengläser, seh fast zum Schreiben nicht mehr. Die herzlichsten Grüße u. Küsse an euch alle. Mutter Anna an die Kinder in Gmünd alle Bekannten, Mutter Theresia Hochholdinger.“

Ich konnte in den Tauf- und Sterbematriken von St. Martin feststellen, dass Theresia Hochholdinger in den Jahren 1924 und 1925 jeweils eine Tochter kurz nach der Geburt verloren hatte. Wahrscheinlich meint sie deren Grab gleich in den ersten Zeilen des Briefes. Es beschäftigte sie in ihrer Haft am meisten, dass dorthin keine Blumen gebracht worden waren. Ihr Brief, ungeübt im Schreiben und nicht ganz verständlich, gibt einen seltenen Einblick in das Leben und die Sorgen einer Waldviertler Dorfwirtin.

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1) Niederschrift vom 5. Juni 1953 bei der BH Gmünd, GZ. 134/38/1952 im Dossier zu Theresia Hochholdinger im DÖW

Karl Zimmel aus Rottenschachen, heute Rapšach

Juli 9th, 2018

Der am 25.10.1913 geborene Tischlergehilfe soll bei Wenzl Hartl („ein Haus von Hartl“) gearbeitet und nach der Niederlage von Stalingrad wegen „kommunistischer Reden“ aufgefallen und denunziert worden sein. Er soll am 19.09.1944 vom OLG Wien zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden sein.1

Genaueres werden wir beim DÖW über ihn erfahren!

Apropos Hartl: Auf deren Firmenwebsite kommen die Jahre 1938 bis 1945 in der Firmengeschichte nicht vor, wohl nicht deshalb, weil sich in dieser Zeit nichts ereignet hätte. Hartl ist gerade in dieser Zeit zum Großlieferanten von Fertigbaracken an die Organisation Todt für den Osten geworden! 1938 soll der Personalstand noch bei 50 gelegen sein, der Höchststand in der Nazizeit aber an die 600 betragen haben! Davon waren 500 Zwangsarbeiter, die in einem unweit aufgebauten Lager untergebracht waren: Franzosen, Belgier, Russen, ab Mitte 1944 auch an die 100 ungarisch-jüdische Leute.2 Man hätte jede Menge aufzuarbeiten!

Auf der Internetressource nie-wieder-gau-wien-niederdonau findet sich folgende Beurteilung der Firma:

„Die noch heute bestehende Firma Hartl - 'Hartl-Haus' in Echsenbach war ein Vorzeigebetrieb der Nazis. Geschäftsführer Ing. Karl Hartl war zugleich Bürgermeister und Ortsgruppenleiter. Damals hieß sie Fa. Wenzel Hartl, Niederlassung Echsenbach.
Hartl war ein Familienbetrieb, der von Wenzel Hartl, dem Vater von Karl, als Sägewerk gegründet wurde. Unter den Nazis blühte das Unternehmen so richtig auf: Wehrmachtssiedlungen, Kinos, Truppenunterkünfte, RAD-Lager, Parteilokale, 'Sturmheime' für die SA, Baracken für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter...“

Hartl soll beispielsweise bei der Errichtung des Truppenübungsplatzes und der Siedlung für Offiziere in Allentsteig sehr gut verdient haben.

„In Echsenbach wurden auch jüdische Zwangsarbeiter aus dem KZ eingesetzt. Einige Tote wurden irgendwo verscharrt, Nachfragen der Israelitischen Kultusgemeinde blieben nach dem Krieg erfolglos. Die Arbeiter von Hartl stellten die Kerntruppe aller Parteiorganisationen, vor allem der SA. Der Volkssturm wurde von den Betriebsleitern von Hartl kommandiert. Viele der Hartl-Nazis stammten aus Allentsteig.“3

________ 11. Juli 2018:

Hatte gestern meinen ersten Besuch im Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes. Keine Ahnung, warum ich solange gebraucht habe, dort hinzufinden.

Von Karl Zimmel liegt dort unter der Signatur 10.208 das Urteil des Oberlandesgerichtes Wien vom 29. September 1944 gegen ihn auf:

Im Namen des Deutschen Volkes! [...]
Der Angeklagte Karl Zimmel hat während des Jahres 1943 in Echsenbach fortgesetzt öffentlich gegenüber Arbeitskameraden wehrkraftzersetzende Äusserungen gemacht und mit Kriegsgefangenen verbotenen Umgang gepflogen. Er wird deshalb zu einer Gesamtstrafe von vier (4) Jahren Zuchthaus und zum Ersatz der Verfahrenskosten verurteilt.4

Man erfährt in diesem Dokument, dass Zimmel tschechischer Staatsangehöriger war, verheiratet war und für drei Kinder zu sorgen hatte.
Äusserungen, die er vor seinen Denunzianten unter vier Augen machte, wurden ihm als öffentlich getan ausgelegt, weil „der Angeklagte damit rechnen musste, dass sie von den Anhörenden nicht für sich behalten, sondern weitergegeben würden".

Zimmel hatte noch Glück, denn wäre sein Fall vor den Volksgerichtshof gekommen, hätte er vielleicht das Jahr 1944 nicht überlebt. Es wäre interessant zu erfahren, was nach Kriegsende aus ihm geworden ist. Er gehörte zu den Mutigeren aus unserer Mitte!

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1) Robert Kurij, Nationalsozialismus und Widerstand im Waldviertel. Die politische Situation 1938-1945 (Horn 1987) 122.

2) Maria Theresia Litschauer, Architekturen des Nationalsozialismus (Wien 1012) 33-40. Von der selben Autorin: https://www.sammlung-spallart.at/de/sammlung/684/

3) Onlineressource: https://nie-wieder-gau-wien-niederdonau.webnode.at/echsenbach-no/

4) DÖW, Signatur 10.208.

Pfarrer Anton Weissensteiner in Großpertholz

Juli 6th, 2018
Pfarrer Anton Weissensteiner in Großpertholz

Momentan steht mir als einzige Quelle dazu Robert Kurijs "Nationalsozialismus und Widerstand im Waldviertel" aus dem Jahr 1987 zur Verfügung.1 Im Lauf des Sommers hoffe ich Originaldokumente zum Prozess einsehen zu können. Vielleicht geben diese ja auch einen ungewollten Einblick in die Struktur eines Waldviertler Dorfes zu Zeiten des Autoritären.

Nach Kurij stammt Weissenteiner aus Eichberg in unserem Bezirk. In einer Predigt in Großpertholz vom 20. April 1941, am "Führergeburtstag", soll er den Niedergang des Glaubens in der damaligen Zeit beklagt haben: während man früher aufragende Burgen gebaut habe, baue man jetzt nur noch Bunker. Daraufhin sei er denunziert und in Folge das erste Mal verhaftet worden. Anscheinend wurde er bis zur Verhandlung wieder freigelassen, denn erst ein weiterer Vorfall brachte ihn in noch ärgere Bedrängnis. Von einem Schüler im Religionsunterricht verhöhnt, vergaß er jede Vorsicht und kritisierte den Nationalsozialismus fundamental, wurde dabei von Oberlehrer Karl Mödlagl belauscht und gestellt. Weissensteiner wurde wieder angezeigt, verhaftet und schließlich am 19. Dezember 1941 in Krems zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Er verbüßte die volle Strafe, musste danach Großpertholz verlassen und kam nach Spital bei Weitra. Ob er sich im Geburtsort von Hitlers Mutter wohl gefühlt hat?

________14.07.2018

Im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes gibt es das Dossier zu Weissensteiner2 noch, aber es ist nicht mehr sehr reichhaltig.  Anscheinend hatte Kurij bei der Verfassung seines Buches noch mehr darin vorgefunden. Dieser Akt enthält heute hauptsächlich Dokumente, die anlässlich des Ansuchens Weissensteiners auf Haftentschädigung Anfang der 50er Jahre angefallen sind, unter anderem einen Brief vom Sekretariat der bischöflichen Klerusstellen, den ich hier gerne wiedergeben möchte, da er doch Licht auf einige Umstände wirft:

Wien, den 30. 12. 1952

Lieber Freund!

Reichlich spät, zum Glück noch nicht zu spät, bewirbst du dich um eine Amtsbescheinigung. Schicke also den Heimatschein, gleichgültig, von welcher Gemeinde er ausgestellt ist, und einen Wohnungsnachweis, der von der Gemeinde in Spital zu bekommen ist, stempelfrei nach Gmünd. Die Staatsbürgerschaft ist durch den Heimatschein ohnehin nachgewiesen. Wegen des Nachweises Deines Einsatzes für ein freies und demokratisches Österreich habe ich soeben an Deinen ehemaligen Verteidiger Dr. Saahs geschrieben. Er wird Dir schicken, was du brauchst. Die paar Schilling wirst Du ihm gerne bezahlen, da Du für jeden in der Haft verbrachten Monat 431 S erhältst. Du bist zu 18 Monaten verurteilt worden. Abgeholt hat Dich die Gestapo am 11.7.1941, Verhandlung war am 19.12.1941. Im Krankenhaus warst Du interniert von Anfang Oktober 1941 bis 1.7.1942. Diese Zeit gilt vielleicht auch als Haft. Wie lange Du in Landsberg warst, weiß ich nicht. Die Untersuchungshaft, die am 25.7.1941 begann, wird wohl in die 18 Monate eingerechnet werden. Somit hat Deine Strafzeit am 25.1.1943 geendet. Wieviel Dir erlassen wurde, weiß ich nicht. Hoffentlich hast Du noch Nachweise für die bezahlten Haft- und Gerichtskosten zur Hand.

Sobald Du die Amtsbescheinigung hast. lässt Du Dir Deine Lohnsteuerkarte von der Finanzkammer schicken und gehst mit beiden zum Steueramt behufs Abschreibung von monatlich 364 S Freibetrag. Als 70jähriger kannst Du außerdem einen Freibetrag für den Unterhalt der Haushälterin verlangen. Somit wird Deine Lohnsteuer ganz minimal werden. Schreibe, wenn Du Dich bei etwas nicht auskennst.

Glückliches neues Jahr und viele Grüße.

D F Draxler [eigenhändig]

Für die Haftentschädigung brauchte man nach dem „Bundesgesetz vom 4. Juli 1947 über die Fürsorge für die Opfer des Kampfes um ein freies, demokratisches Österreich und die Opfer politischer Verfolgung“ eine sogenannte Amtsbescheinigung, diese wollte Weissensteiner sich 1952/53 ausstellen lassen. Er ist am 24. März 1878 geboren, zu dieser Zeit schon im 75. Lebensjahr, darauf spielt Draxler an.

Man findet die Daten der Festnahme, der Haft und eines neunmonatigen Spitalsaufenthaltes. Laut einem weiteren Dokument im Dossier war Weissensteiner so schwer akut herzkrank, dass er aus der Haft entlassen werden und wegen Todesgefahr ins Krankenhaus Gmünd eingeliefert werden musste. Die Verhandlung fand demnach ohne ihn statt.

Nach seiner Genesung scheint Weissensteiner in der berüchtigten Gefangenenanstalt Landsberg in Haft gewesen zu sein!

________15.07.2018

Ende 1952, Anfang 1953 suchte Weissenteiner um Entschädigung für die wegen seiner mutigen Aussagen zum Nationalsozialismus erlittene 18monatige Haft. Ich hoffe, dass er diese noch rechtzeitig bekam. Im Index des Sterbebuches von Spital/Weitra fand ich heute diesen Eintrag:

Weissensteiner hatte kaum noch drei Jahre zu leben!3

Aufruf: Falls jemand nähere Informationen zu Pfarrer Weissensteiner hat, dann bitte ich dringend um einen Kommentar!
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1) Robert Kurij, Nationalsozialismus und Widerstand im Waldviertel. Die politische Situation 1938-1945 (Horn 1987) 94-97.

2) DÖW 13.660. Kurij zitiert in seinem Buch auch aus Vernehmungsprotokollen, dieses sind definitiv nicht mehr im DÖW-Dossier vorhanden.

3) Sterbematrik Spital <online>

Opfer des Nationalsozialismus im Lainsitztal

Juli 6th, 2018

Dieses Thema besteht aus einem Bündel unterschiedlicher Stränge, die teilweise gut, großteils weniger gut erforscht sind. Die Literatur zur Verfolgung der Juden in unserem Bezirk ist in den letzten Jahren einigermaßen vielfältig geworden. Man kennt heute die Personen und Familien um vieles besser als die Personen und Familien ihrer Verfolger, der Nazis des "Kreises Gmünd". Noch weniger weiß man über die anderen verfolgten Gruppen: Sozialdemokraten, Kommunisten, Monarchisten, Religiöse, Roma und Sinti, Kranke und Schwache, Homosexuelle, Arme, Kriegsgefangene und Ostarbeiter. Falls Ihnen noch eine Gruppe einfällt, bitte ich um Ihren Kommentar! Ich ersuche auch um Hinweise auf einzelne Opfer.

Hier soll einmal alles zusammentgetragen werden, was schon bekannt ist:

Rassisch1 Verfolgte

Ignatz Csengeri und andere ungarische Zwangsarbeiter in Rörndlwies

 Religiös Verfolgte

Pfarrer Anton Weissensteiner in Großpertholz

 Arbeiter

Karl Zimmel aus Rottenschachen, heute Rapšach

Anderere

Theresia Hochholdinger, Rossbruck

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1) Dass der Begriff Rasse in Zusammenhang mit Menschen unangebracht ist, ist heute Allgemeingut. Dieser Tage streicht etwa Frankreich das Wort "Rasse" aus seiner Verfassung.