Nach dem Krieg einfach erschwindelt?

November 25th, 2011

Während bisher in allen Verkaufsverträgen immer nur von den Grundstücken die Rede war, niemals von Gebäuden und Maschinen, wird plötzlich nach dem Krieg so getan, als würde man das ganze Sägewerk rechtmäßig von der bösen „Ostmärkischen Holzverwertung KG“ des Ing. Timmel zurückbekommen. Im Rückstellungsvertrag vom 22. Dezember 1948 heißt es nämlich:

Die Ostmärkische war Eigentümerin des Sägewerkes Joachimstal

Diese Aussage ist durch keinen grundbücherlichen Vertrag belegt, und trotzdem ging sie im Jahr 1948 einfach so durch? Die Taktik ist perfide: Man stellt sich selbst als Geschädigter dar und holt sich im Zuge der Rückabwicklung gleich noch ein ordentliches Stück jüdischen Eigentums dazu. Die Vorbemerkung des Rückstellungsvertrages zeigt diese Eigensicht sehr deutlich:

Die seinerzeit bestandene Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung wurde unter der Herrschaft des Nationalsozialismus in Österreich nach zwangsweisem Ausschluß für dieses Regime untragbarer Genossenschafter in eine Kommanditgesellschaft unter der Firma Ostmärkische Holzverwertung Dipl. Forst-Ing. Timmel Kommanditgesellschaft im Wege eines am 20. Oktober 1941 abgeschlossenen Gesellschaftsvertrages, in welchem die Genossenschaft ihr gesamtes Vermögen (Aktiven und Passiven) als Kommanditeinlage eingebracht hat, umgewandelt. An die Stelle der Genossenschaft traten nach deren Auflösung die Genossenschaftsmitglieder als Kommanditisten.

Mit 31. Juli 1945 wurde die Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung wieder ins Leben gerufen, ein neuer Genossenschaftsvertrag errichtet und die Genossenschaft im Firmenregister des Handelsgerichtes Wien registriert. Die Ostmärkische Holzverwertung Dipl. Forst-Ing. Timmel Kommanditgesellschaft, im Folgenden kurz Ostmärkische genannt, hatte Ihr Vermögen, welches aus dem Vermögen der seinerzeit bestandenen Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung, im Folgenden kurz Verkaufsbüro genannt, bestanden hat, an das Verkaufsbüro rückzuleiten und sich nach Durchführung einer stillen Liquidation aufzulösen. In diesem Sinne hat denn auch der öffentliche Verwalter der Ostmärkischen seine Tätigkeit ausgeübt und eine Reihe von Aktiven der Ostmärkischen an das Verkaufsbüro gegen volle Vergütung übertragen, und zwar mit Wirksamkeit für den 1. August 1945 als den Stichtag für die Liquidationseröffnungsbilanz der Ostmärkischen.

Zu den an das Verkaufsbüro übertragenen Aktiven gehört unter Anderem auch das Sägewerk Joachimstal.

Die Bauwerke veranschlagt man mit etwa 39 000 Schilling, einen Ochsenstall mit 2 000 S, bewegliche Sachwerte mit 30 000 S, was einem Gesamtwert von etwa 71 000S entspricht. Demgegenüber sollen zufällig genau so hohe Verbindlichkeiten gestanden haben, die ebenfalls übernommen wurden, und es musste kein einziger Groschen gezahlt werden. So finden wir im Grundbuch Gmünd den bekannten Eintrag:

25. Juni 1949, 236.
Auf Grund des Rückstellungsübereinkommens vom 22. Dezember 1948 wird das Eigentumsrecht einverleibt für die Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung zur Gänze

Interessant wäre der wahre Wert der Grundstücke, Bauwerke und Mobilien schon! Später finden wir im Grundbuch Pfandrechte einverleibt, die bis zu 2,5 Millionen Schilling hoch gehen, und das in Zeiten, in der das Sägewerk längst abgetragen war und nur noch Grundstücke und Wohnbauten belehnt werden konnten!

Interessant wird auch werden, wer das andere beträchtliche Eigentum der jüdischen Besitzer Löwy und Winterberg in Österreich geraubt hat! Es handelt sich dabei um Werte in Zusammenhang mit der Flötzerei an Salza und Enns, um das wirklich große Dampfsägewerk in Mauthausen und um das 290 ha (!) große Landgut Oberhammer mit Herrenhaus und Wirtschaftsgebäuden in Ritzenedt in der Mühlviertler Gemeinde Weitersfelden. Wir finden zum Glück den ganzen Besitz schwarz auf weiß mit Fotos in der Denkschrift aus dem Jahre 1928 aufgelistet!

Welche Firmen profitierten von der Arisierung?

November 18th, 2011

Spärliche Grundinformationen zu den an der Arisierung beteiligten Firmen findet man in „Lehmann's Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger“, der online unter http://www.digital.wienbibliothek.at/ abrufbar ist.

Hier der Eintrag zum „Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer“ in der Ausgabe des Jahres 1938, der den Stand vor dem Anschluss wiedergibt:

Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer, reg. Gen. M. b. H., I. Schauflergasse 6. Vorst. Mitgl.: Otto Braun, Hermann Berchtold, Johann Blöchl, Rudolf Colloredo-Mansfeld, Werner Deibl, Ing. Alfred Deuse, Ludwig Fahrnberger, Ing. Felix Feest, Hans Gablenz-Thürheim, Dr. Stefan Herber-Rohow, Rudolf Hoyos, Ing. Heinrich Lorenz-Liburnau, B.Minister Peter Mandorfer, Friedrich Mantler, Ing. Stefan Majtenyi, Johann Obermoser, Dr. Ing Fritz Paul, Ing. Hans Stiefler, Oek. Rat Oskar Stiepan, Dr. Jakob Stoiber, Dr. Sepp Stotter u. Fanz Thurn-Valsassina. Koll. Prok.: Ing Rudolf Timmel u. Karl Weber. Zwei Vorst.Mitgl. od. ein Vorst.Mitgl. und ein Prok. zeichn. koll. Gen. 19, 79

Die „Genossen“ haben sehr bekannt klingende Namen und dürften großteils der besitzenden Klasse bzw. dem früheren Adel entstammen, teils handelt es sich um höchst einflussreiche Agrarpolitiker des Ständestaates mit naturgemäß christlichsozialer Parteiangehörigkeit, wie bei Johann Blöchl (1934- 1938 Vertreter bäuerlicher Interessen im Bundeswirtschaftsrat) oder bei Peter Mandorfer (CS, Vaterländische Front, 1936-38 Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft). Die Schauflergasse 6 liegt übrigens nur wenige Schritte vom Bundeskanzleramt entfernt und beherbergt heute noch Landwirtschaftskammer und diverse andere Agrarinstitutionen. Wir haben es also ursprünglich nicht mit einer kleinen Agrargenossenschaft dreier Bauern aus dem Bezirk sondern mit einem Agrarverband direkt aus dem Machtzentrum des austrofaschistischen Wien zu tun.

Nach dem Anschluss ist der Vorstand der Genossenschaft allerdings radikal dezimiert bzw. ausgewechselt, wie der Eintrag des Jahres 1939 zeigt:

Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer, reg. Gen. M. b. H., III. Schwarzenbergplatz 6. Vorst. Mitgl.: Hermann Berchtold, Josef Doppler, Josef Lutz, Alois Matschnigg, Ing. Hans Stiefler. Koll. Prok.: Ing Rudolf Timmel u. Karl Weber. Zwei Vorst.Mitgl. od. ein Vorst.Mitgl. und ein Prok. zeichn. koll. Gen. 19, 79

Diese Namen muss man alle einzeln überprüfen. Hermann Berchtold könnte der SA-Brigadeführer und Parteigenosse Hermann Berchtold sein, der als kommissarischer Verwalter in mehreren Firmen eingesetzt war, Alois Matschnigg eventuell der Bürgermeister von Güssing 1939 - 1945. Rudolf Timmel ist noch immer Prokurist, mit ihm dürften die Nationalsozialisten kein Problem gehabt haben, im Gegenteil, er wurde für weitere schwierige Aufgaben als verlässlich genug eingestuft. Über Google-Books findet man ihn etwa 1942 in Zusammenhang mit Berchtold als Verhandler in Kroatien, wo es um deutsche "Beteiligungen" an der Našicer Tanninfabrik & Dampfsäge AG ging (Holm Sundhaussen: Wirtschaftsgeschichte Kroatiens im nationalsozialistischen Grossraum).

Die gleichgeschaltete Genossenschaft wurde überdies aus dem alten österreichischen Regierungsviertel in ein Bürogebäude am Schwarzenbergplatz verlegt.

Im Jahr 1942 findet sie sich, umgenannt auf „Verkaufsbüro ostmärkischer Waldbesitzer“, nur noch mit den folgenden kargen Angaben protokolliert:

Verkaufsbüro ostmärkischer Waldbesitzer, reg. Gen. M. b. H., Gen. 19, 79

Prokurist Rudolf Timmel scheint 1942 dafür erstmals mit der neu gegründeten KG an der selben Adresse wie das Verkaufsbüro auf:

Ostmärkische Holzverwertung Dipl. ForstIng. Timmel und Co., Kommanditges., III. Schwarzenbergplatz 6. Pers. haft. Ges.: Dipl. Ing. Rudolf Timmel. Ein Kommanditist. HR A 10643

Kaufvertragsnachtrag und Aufsandungserklärung 16. Juli 1943

November 7th, 2011

Unter der Nummer 1944/450 liegt in der Dokumentensammlung im Grundbuch Gmünd noch ein Kaufvertragsnachtrag auf. Warum ist dieser nötig geworden?

Karl Egon Fürstenberg ist nicht mehr „Erbprinz und Landgraf“, sondern er ist „Fürst und Landgraf“ geworden, aber das ist nicht der Grund für den neuen Kaufvertrag. Er wurde vielmehr notwendig, weil sich die Käuferseite eine neue juristische Form gegeben hat: Aus der „Verkaufsbüro ostmärkischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mbH“ ist im Herbst 1941 eine Kommanditgesellschaft gebaut worden.

Die neue Firma heißt „Ostmärkische Holzverwertung Dipl. Forst.-Ing. Timmel & Co KG“ und ist im Handelsregister Wien unter A 10.643 eingetragen. In diese KG hat das „Verkaufsbüro" als einzige Kommanditistin alle ihre Vermögen eingebracht, unter anderem auch die Grundstücke in Joachimstal. Der Wert der gesamten Einlage wird im Handelsregisterauszug, der im Bezirksgericht Gmünd aufliegt, mit 1 078 379 RM beziffert. Im Vergleich zum vorgeblichen Wert der Liegenschaft von nur etwa 2 500 RM doch eine ansehnliche Summe! Dipl.Ing. Rudolf Timmel ist persönlich haftender Gesellschafter und selbständig zeichnungsberechtigt, Eduard Stanzel hat die Einzelprokura.

Auch in diesem Vertrag ist nicht von den Bauwerken und Maschinen der Sägewerksanlage die Rede, sondern allein von den einzelnen Parzellen der Liegenschaft. Wie wir aus der Landtafel wissen, gehören jene ja immer noch der Firma Löwy und Winterberg in Prag, von der aber anzunehmen ist, dass sie längst von den Nationalsozialisten geraubt worden ist. Und es ist auch anzunehmen, dass entgegen dem Wortlaut des Kaufvertrages sehr wohl auch das Sägewerk längst ohne jede Gegenleistung von der „Ostmärkischen Holzverwertung" in Besitz genommen worden ist.

Kaufvertrag Juli 1941

November 6th, 2011

Der Kaufvertrag vom 31. Juli 1941 (Dokument 1944/450 Grundbuch Gmünd) erwähnt in keinem Wort das Sägewerk, das Herrenhaus oder auch nur das allerkleinste Bauwerk! Karl Egon Fürstenberg („S.D. Karl Egon Erbprinz und Landgraf zu Fürstenberg“) verkauft darin die etwa 5 ha große Liegenschaft um insgesamt 2 461 Reichsmark an das „Verkaufsbüro ostmärkischer Waldbesitzer, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Wien III. Schwarzenbergplatz Nr.6“.

Laut Wikipediaeintrag Deutsche Währungsgeschichte entspräche der Kaufpreis heute in etwa 10 000€.

Soweit ist alles korrekt abgelaufen! Die Ostmärkische besitzt also ab 1941 den Grund und Boden, auf dem unser Sägewerk und alle Zusatzgebäude stehen. Warum Fürstenberg für nicht gerade sehr viel Geld fünf Hektar aus seinem Fideikommissgut herausschneiden lässt und einer Wiener Genossenschaft verkauft, müssen wir wohl aus anderen Quellen herauszufinden versuchen. Vielleicht war er selbst Genossenschafter der Ostmärkischen, vielleicht gab es Nebenabsprachen oder außervertragliche Zahlungen, um die Steuer zu mindern.

Grundbuch: Harmannschlag Einlagezahl 116

November 4th, 2011

Anfang September schon war ich in Gmünd, um mir die Liegenschaft im Grundbuch anzuschauen. Damals wusste ich noch nicht, dass für "adeligen" Grundbesitz eigentlich die Landtafel zuständig wäre. Aber mit dem Verkauf an die "Ostmärkische" ist 1944 auch im bürgerlichen Grundbuch eine Einlage angelegt worden.

Hier die für die Arisierung wichtigen Einträge:

Zur Liegenschaft gehören die Parzellen

Postz. Katastralzahl Bezeichnung
1 126 Baufläche
2 127 Baufläche
3 128 Baufläche
4 129 Baufläche
5 130 Baufläche
6 131 Baufläche
7 1586 Wald
8 1588 Werkplatz
9 1587/2 Hutweide
10 1640/2 Werkplatz

Im Gutsbestandsblatt wird gleich unter dieser Aufzählung das fremde Eigentum an den Bauwerken auf diesem Grund vermerkt:

25. 5. 1944 - 450. Für die von der Landtafeleinlage Zl. 461 abgeschriebenen Grundstücke Postz. 1 bis 10 diese Einlage eröffnet. Mitübertragen nachstehende Eintragung: 8.5.1929 Rv 339. A.Bg.Nr.7/1928: die Errichtung je eines Bauwerkes im Sinne des §435AbGB auf den Bauflächen 126 bis 131 angezeigt.

Man erwähnt die Meldung der Gemeinde mit dem bekannten Anmeldebogen Nr.7/1928, nennt den Eigentümer der Bauwerke hier aber nicht. Es musste aber jedem weiteren Käufer klar sein, dass die Gebäude nicht zum Grundstück gehören und vom Eigentümer extra erworben werden müssten, sollte man sie auch besitzen wollen.

Besonders interessant wird das Eigentumsblatt, weil wir erfahren, wer denn nun das Grundstück erworben hat:

Postz. Eintragung Anteile
1 25.5.1944 – 450.
Kaufvertrag vom 31.7.1941 u. Kaufvertragsnachtrag u. Aufsandungserklärung vom 16. 7. 1943:
Das Eigentumsrecht für die Ostmärkische Holzverwertung Dipl. Forst.-Ing. Timmel, Kommanditgesellschaft einverleibt.
-
2 25. Juni 1949, 236. 
Auf Grund des Rückstellungsübereinkommens vom 22. Dezember 1948 wird das Eigentumsrecht einverleibt für die Verkaufsbüro österreichischer Waldbesitzer registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung zur Gänze
1/1
3 11.April 1951, 159.
Auf Grund des Beschlusses des Handelsgerichtes Wien vom 23.2.1951, Gen. 31/230-22 wird die Änderung in „Genossenschaft österreichischer Waldbesitzer, Holzwirtschaftsbetriebe, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung“ angemerkt.
4 7. Feber 1967, 246.
[zwei private Käufer erwerben die Liegenschaft je zur Hälfte]

Die Nummern hinter den Datumsangaben beziehen sich auf zugehörige Dokumente in der Dokumentensammlung. Es wird spannend werden, die jeweiligen Kaufverträge zu studieren und mehr über die Hintergründe der Arisierung zu erfahren!