Roman Jäger - vermisst, für tot erklärt.

Januar 6th, 2017

Roman Jäger war schon von Juli 1939 bis November 1940 im aktiven Wehrdienst und dabei im Feldzug gegen Frankreich von 13.10.39 bis 7.9.40 eingesetzt gewesen. Ab November 1940 bekam er eine sogenannte UK-Stellung als hauptamtlicher politischer Leiter bewilligt, welche aber im Frühling 1944 aufgehoben wurde, sodass er sich am 12. April desselben Jahres wieder als Leutnant der Reserve bei der Division Nr. 177 in der Wiener Metternichgasse zum Kriegsdienst melden musste. 

Über das Grenadier-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 1/134 in Brünn kam er an die Ostfront, die bereits von der Roten Armee bis an die Ostgrenze der Slowakei zurückgedrängt worden war. Zuletzt war Jäger mit Feldpostnummer 24522 beim Grenadier Regiment 946, das wiederum zur 357. Infanterie-Division gehörte. 

Im Zuge der äußerst schweren Abwehrkämpfe am Dukla-Pass (Ost-Beskiden) wurde Roman Jäger ab 22. September vermisst, eine entsprechende Meldung des Kommandanten Oberst Heino Freiherr von Künsberg stammt vom 1.11.1944.

Am 3. September 1954 beantragt Helene Jäger "als Ehefrau zum Zwecke der Wiederverehelichung die Einleitung des Verfahrens zur Todeserklärung" beim Bezirksgericht Bad Ischl. Dabei gibt sie an, dass die letzte Nachricht von ihrem Mann vom 19. September 1944 stamme, diese aber nicht mehr auffindbar sei.

Das Verfahren wird nach Wien verlagert, da der letzte Wohnort des Vermissten im ersten Wiener Gemeindebezirk, Spiegelgasse 13, gewesen ist.

Im April 1955 erklärt das Landesgericht für ZRS Wien mit Aktenzahl 48T1374/54 - 16 Dr. Roman Jäger für tot. Das Todesdatum wird mit 22. September 1944 festgesetzt, rechtskräftig wird der Beschluss mit 16. Juni 1955.

Zur Frage, ob Jäger vielleicht das Schlachtgetümmel nutzte, um unterzutauchen und sich abzusetzen, kann nichts Abschließendes gesagt werden. Es erscheint jedoch äußerst unrealistisch, dass jemand sich aus so einer Schlacht wie der um den Dukla-Pass hätte davonstehlen können.

Helene Jäger - Frau des Gauleiters Roman Jäger?

Januar 4th, 2017

Die Firma Helene Jäger in Weitra ist immer noch über die Bezirksgrenzen weit hinaus bekannt. Laut eigenen Angaben wurde sie im Jahr 1957 im Salzkammergut gegründet und 1962 nach Weitra übersiedelt. Zu den besten Zeiten waren Dutzende Heimarbeiterinnen mit der Herstellung kunstgewerblicher Feinflechtarbeiten beschäftigt und die Erzeugnisse wurden im In- und Ausland verkauft.

Über die verstorbene Gründerin der Firma, Helene Jäger, geht die Legende, dass ihr Ehemann der Gauleiter und spätere Gauschulungsleiter von Niederdonau, Roman Jäger, gewesen sein soll. Und dass dieser nicht aus dem Krieg zurück gekommen und verschollen sei. Manchmal rankt sich auch noch die Frage dazu, ob er vielleicht gar nicht wirklich gefallen, sondern wie andere Nazigrößen gar nach dem Krieg Richtung Südamerika abgetaucht sein könnte.

Wir wollen der Geschichte nachgehen und besuchen Archive, stöbern in alten Büchern und sekkieren das Internet.

Im Familienbuch des Standesamtes Weissenkirchen an der Donau erhalten wir die erste Auskunft: hier wurde am 18. Dezember 1940 die "BDM-Führerin Helene Anna Lisa Naber", gottgläubig, geboren am 28. Juni 1917 in Wien, mit dem "Gauamtsleiter Dr. Roman Jäger", ebenfalls gottgläubig, geboren am 24. Oktober 1909, verheiratet!

Die genannte Helene Naber ist schon auf den ersten Blick ident mit der uns bekannten Helene Jäger, da eines der eingetragenen beiden Kinder mit der uns bekannten Nachfahrin und späteren Firmenchefin übereinstimmt. 

"Gottgläubig" wurde in der NS-Zeit als religiöses Bekenntnis eingesetzt, wenn der Betreffende aus der Kirche ausgetreten war, aber sich selbst nicht als Atheist empfand. Es waren also beide aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Dr. Roman Jäger wiederum ist von den Lebensdaten her ident mit dem bekannten hohen NSDAP-Parteifunktionär, dem folgender Wikipediaeintrag gewidmet ist:

Roman Jäger (* 24. Oktober 1909 in Weißenkirchen in der Wachau (Niederösterreich); verschollen seit dem 22. September 1944 bei Vydrau, Slowakei) war ein nationalsozialistischer Jurist und seit 1938 Mitglied des nationalsozialistischen Reichstags.
Leben
Jäger war Sohn einer Weinbauernfamilie und bezeichnete sich in seiner Vita 1938 als römisch-katholisch. Nach Besuch der Volksschule in Weißenkirchen und der Gymnasien in Seitenstetten und Krems an der Donau begann er in Wien das Studium der Rechtswissenschaften und promovierte 1934. Sein weiterer beruflicher Werdegang wurde durch seine politischen Aktivitäten beeinträchtigt: Nach wenigen Monaten der Tätigkeit am Bezirksgericht von Spitz an der Donau wurde er „als des Vertrauens unwürdig“ entlassen und war danach im elterlichen Wirtschaftsbetrieb tätig.
Seit 1924 war er in der Nationalsozialistischen Arbeiterjugend, einem Vorläufer der Hitlerjugend, tätig. Ab 1929 trat er als Parteiredner auf. Am 24. Juni 1931 trat er in die NSDAP ein. 1932 war er Funktionär im NSDStB und 1933 wurde ihm die jugenderzieherische Tätigkeit untersagt, die er als Gaujugendturnwart ausübte. Wegen seiner politischen Aktivitäten war Jäger vom August bis Oktober 1933 inhaftiert. Später war er Kreisleiter im Waldviertel und wegen seiner politischen Aktivitäten im Frühling 1936 flüchtig, inhaftiert und im Juli amnestiert. Ein späterer Eintrag im Reichstagshandbuch gibt für 1937 an, Jäger sei in diesem Jahr bereits Gauschulungsleiter und sogar Gauleiter gewesen. Im März 1938 wurde Jäger zum SA-Standartenführer ernannt. Abermals war er 1938 bis zur Amnestie flüchtig. Nach dem „Anschluss“ Österreichs war er für kurze Zeit Gauleiter von Niederdonau, später Landeshauptmann von Niederösterreich und Kreisführer des Reichsbundes für Leibesübungen. Seit 1938 gehörte Jäger dem Reichstag an.
Von Mai 1938 bis 22. September 1944 war er Gauschulungsleiter der NSDAP im Gau Niederdonau. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist Jäger bei den Kämpfen um die Beskidenpässe im Osten der Slowakei im September 1944 als Leutnant der deutschen Wehrmacht umgekommen. (de.wikipedia.org, abgerufen am 4.1.2016)

Zwei nachträgliche Eintragungen zieren den Rand des Familienbuches: 

Als Trauzeugen wurden auf Anordnung des Amtsgerichtes Krems nachgetragen: Der Major außer Dienst, Gaupersonalamtsleiter Theodor Holerius, 55 Jahre alt, und der Leiter der Gauschulungsburg Jaidhof, Josef Bründl, 30 Jahre alt. Bemerkenswert ist, dass nicht Eltern oder andere Familienmitglieder, sondern hohe Parteifreunde als Trauzeugen auftraten.

Der weitere Eintrag bringt uns greifbare Daten zum zweiten Teil der Legende, der auch in Wikipedia angesprochen wird: 

Weißenkirchen in der Wachau, am 23. Juli 1955.
Durch rechtskräftigen Beschluss des Landesgerichtes Wien vom 16.6.1955 G.Z. 48T 1374/54-16 ist der Ehemann Doktor Roman Jäger für tot erklärt worden. Als Zeitpunkt des Todes ist der 22. 9. 1944 festgestellt. Die Todeserklärung ist bei dem Standesamt Innere Stadt - Mariahilf unter Nr. 2127/55 beurkundet worden. Der Standesbeamte Fröhlich.

Den betreffenden Akt finden wir im Landesarchiv Wien. Mehr dazu dann im nächsten Blogeintrag. Für diesmal begnügen wir uns damit, endgültig den Beweis gefunden zu haben, dass die Geschichte mit Helene Jäger und dem verschollenen Gauleiter keineswegs nur ein Gerücht ist.

Die Hügelgräber im Wald von Reichenbach bei Litschau

November 9th, 2013

Knapp vor Litschau, auf dem westlichen Abhang des Kreuzberges, liegen im Wald drei merkwürdige Hügel wie an einer Schnur ausgerichtet. Im Geländescan des NÖ-Atlas heben sie sich deutlich wie Knöpfe einer Weste vom Waldboden ab:


(Quelle)

Verlängert man die Gerade nach Osten, so scheint nach etwa zwei Streckenlängen sich noch ein weiterer Hügel befunden zu haben.
So sehen die Hügel vor Ort aus:


Westlicher Hügel
 
Mitte
 

Östlicher Hügel

Was sind das nun für Bodendenkmäler? Die Forschung geht von slawischen Grabhügeln aus, die im frühen Mittelalter angelegt worden sind. Es handelt sich um die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung in unserem Bezirk! Diese archäologischen Kostbarkeiten sind derzeit  vollkommen ungeschützt. Der mutmaßliche vierte Hügel im Osten dürfte kürzlich von einem Harvester zerwühlt und verwüstet worden sein. Auch die drei großen Hügel könnten jederzeit von einem unkundigen Holzarbeiter mit einer Holzerntemaschine in Sekunden zerstört werden! Es befindet sich an Ort und Stelle kein noch so geringer Hinweis auf den Wert dieser Bodendenkmäler!

Ohne die Geländekarte von atlas.noe.gv.at hätte ich die Hügel nicht gefunden. Bei Suchanfragen im Internet stößt man auf ein denkmalgeschütztes "Hügelgräberfeld Hauslüss", das aber ein gutes Stück entfernt von den wirklichen Grabhügeln liegen soll. Leider hatte ich nicht die Zeit, dort vorbeizuschauen, ob dort vielleicht noch weitere Hügelgräber zu finden sind. Mir scheint es sehr wahrscheinlich, dass selbst das Denkmalamt nicht weiß, wo die Gräber wirklich liegen. In der Liste "Niederösterreich: unbewegliche und archäologische Denkmale unter Denkmalschutz" des Bundesdenkmalamtes findet sich in der Katastralgemeinde Reichenbach (KG Nr. 07123) ein "Gräberfeld (ohne Datierung), Hügelgräberfeld Hauslüss", welches sich auf einem Grundstück mit der Nummer 214 befinden soll. Die von mir gefundenen Hügel liegen aber eindeutig auf Grundstück Nr. 218.

Die Beschreibung der Grabhügel in der "Heimatkunde des Bezirkes Gmünd" von 1986 bestärkt mich in der Auffassung, am richtigen Ort gewesen zu sein:

"In Reichenau bei Litschau liegen am linken Ufer des Föhrenbaches, dessen tief eingeschnittenes Tal hier den Namen 'Höllgraben' führt, vier slawische Hügelgräber. Es sind insgesamt vier Hügel. Drei davon haben einen Durchmesser von 9-11 m und eine Höhe von 1,6 m, der vierte ist großteils eingeebnet. Sie wurden im Jahre 1933 oberflächlich untersucht. Zuerst erfolgte die Erschließung des am besten erhaltenen Hügels durch einen breiten Graben bis zum gewachsenen Boden. Von diesem Graben wurden dann einige Suchgräben seitwärts bis zum Rand gezogen. Bei dieser Arbeit fand man kleine Scherben von Freihand-Gefäßen, die ohne jede Verzierung sind. Ferner fanden sich, durch den ganzen Hügel verteilt, zahlreiche Kohlen- und Knochenstückchen. Ungefähr in der Mitte, auf dem gewachsenen Boden, fand sich der Leichenbrand, das heißt, eine Brandschichte aus Kohle und Asche von 8 cm Stärke mit einem Durchmesser von ungefähr 20  cm [Im Originalbericht sind es 70cm!]. Ähnlich wurden auch, soweit es die dort stehenden Bäume erlaubten, die anderen Hügel untersucht. Auch in diesen fanden sich Kohlen- und Knochenstückchen, aber die Brandschichte konnte nicht mehr einwandfrei festgestellt werden." (S.43)

Die hier zitierte Beschreibung bezieht sich auf einen Bericht von Rupert Hauer aus dem Jahre 1933, den Sie online lesen können: Die Hügelgräber von Reichenbach bei Litschau.

Interessant wäre, ob die Gefäßscherben noch irgendwo gelagert sind. Man könnte dann mit heutigen Methoden ihr Alter eindeutig feststellen!

Falls Sie die Hügel besuchen wollen, hier die Koordinaten: Ost 15,04986°, Nord 48,91816°. Sie wissen ja, es führt sie keinerlei Hinweis sonst zu den ältesten Zeugen der Geschichte in unserem Bezirk!

 

Mit dem Laserscanner über Niederösterreich

Juli 9th, 2013

Fangen wir im Gmünder Bezirk an: Auf dem Schindelberg bei Pyhrabruck befindet sich ein Wall, der angeblich aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammen soll. Auf normalen Satelliten- oder Flugaufnahmen ist er nicht zu sehen. Auf dem Laserscan aber in voller Pracht: Der Wall auf dem Schindelberg.

Einen Wall findet man auch um die ehemalige Burg und heutige Kirche Johannesberg. Unweit davon entdeckte ich einen weiteren Wall auf einem Hügel in Engelstein.

Einen tiefen Einschnitt in die natürliche Beschaffenheit der Erdoberfläche hinterlassen Sandgruben und Steinbrüche. Hier der Granitsteinbruch in Schrems.

Imposant ist auch der Canyon der Lainsitz von Roßbruck bis Altweitra.

Noch ein paar zufällig ausgewählte Wälle außerhalb unseres Bezirkes:

Ein quadratischer Wall bei Poigen/Horn rund um die Ruine Fuchsberg.  Ob dieser Ringwall schon erforscht ist: auf dem Schafberg  südlich der Königswarte befindet sich ein markanter Hügel mir einem Ringwall. Weitgehend gut erforscht ist die Geschichte des Schanzberges bei Gars am Kamp. Ob der kleine Kreiswall im Wald bei Thunau schon bekannt ist, weiß ich nicht. Natürlich findet man auf den Leiser Bergen auch einen Ringwall. Was das hier in Bergau im Wald ist, keine Ahnung, ich war noch nicht dort!

Befestigungsanlagen bei Tulln in der Au

Juli 7th, 2013

Ich war heute - nur wenige Wochen nach dem großen Hochwasser - in der Au an der Nordseite der Donau bei Tulln. Die Landschaft, aber auch vor allem die vielen Gelsen vermittelten mir das abenteuerliche Gefühl, mitten im Dschungel zu sein. Und was findet man im Dschungel? Natürlich archäologische Stätten, so auch hier!

Ich bin wieder über die Geländeaufnahme des Landes NÖ darauf gestoßen: Mitten in diesem Urwald rund um den Kopf der eisernen Tullnerbrücke verstecken sich zumindest sieben Wallanlagen, allesamt geometrisch aufgebaut, die meisten gut erhalten! Es könnten ursprünglich mehr gewesen sein, geht man von einer regrelmäßigen Anlage der Erdwälle aus. 

Hier ein Google-Earth-Overlay des Höhenscans: TullnOverlay.kmz
 
Und ein Bild von einem der Dämme: