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Das Tal der Lainsitz
Erlebnis Kulturlandschaft
Auch für den geschichtlich Unkundigen ist das Wandern durch die Gegend an der
Lainsitz wunderbar: Die Landschaft ist abwechslungsreich, Wiesen, Felder, Bach
und Gräben, Berge, Täler, lichte Haine und finstere Forste finden sich auf eine
einzigartige Weise ineinander gewürfelt, die kleinen Städtchen sind so
heimelig klein geblieben und zeigen noch ihren mittelalterlichen Kern, die Dörfer sind vielgestaltig und haben im
oberen Teil der Lainsitz eine aufregende Weite, wie man sie sonst kaum sieht.
Die Gasthäuser bieten gute Kost und gutes Bier aus der Gegend. Die Menschen sind
manchmal wortkarg, vielleicht schwermütig, doch voll von persönlicher Kraft und
klarem Profil.
Mehr als 800 Jahre lang ist dieses Tal bewohnt. Die Bauern haben es in fast
dreißig Generationen zu einem blühenden Garten gemacht, in schwerer Arbeit Jahr
um Jahr den Boden gepflügt, so dass die runden Wellen der Landschaft in
Terrassen verwandelt wurden, haben Felsen und Steine von den Wiesen und Feldern
geräumt, so dass samtene Flächen entstanden, die mit jedem Park in
herrschaftlichen Städten mithalten können. Bis hinauf zu den Felsen an den
Gipfeln der Hügel reichten einst die Felder, viel weiter, als man es heute
meint.
Und hier beginnt die Kunst des Sehens, die diese Landschaft in ein Dokument
des Lebens dieser namenlosen Bauerngenerationen verwandelt: Ein Wald ist nicht
ein Wald, es kann ein Feld sein, das versunken ist, unter toten Fichtennadeln,
es kann eine Wiese sein, die erst seit zwanzig Jahren bepflanzt ist, ein alter
Weg, der schon seit Hunderten von Jahren nicht mehr befahren wird. Steinhaufen,
im Wald zusammengetragen, sind die Satzzeichen eines Testamentes, das Bauern
hier einst mit ihren Pflügen in die Landschaft schrieben. Eine Wiese
ist meist nicht einfach eine Wiese, ein hoher Rain kann zeigen, dass hier
Jahrhunderte lang geackert wurde, kann schmal sein, weil der Lus einst geteilt
worden war, kann nass und moorig sein oder karg und trocken. Wer die Zeichen der
Auseinandersetzung der Menschen mit dieser Landschaft lesen kann, für den
beginnt diese zu erzählen über das Leben in dieser Gegend. Es war eine besondere
Form des Lebens: Auf der Fläche eines mittleren Feldes aus besseren Gegenden
finden sich hier hunderte Fleckchen, kunstvoll verschachtelt und arbeitsintensiv
in der Bewirtschaftung, bebaut mit den verschiedensten Ackerfrüchten. Die
Flecken schmiegen sich an die Gestalt des Bodens wie eine Art Körperbemalung
oder eine bunte Tätowierung, bis hin zu den unzugänglichsten Bereichen: Die
Bauern mussten hartnäckig sein, um für sich und die Sippe genügend aus ihrem
Stück Land herauszulocken.
Was fehlt ist eine Archäologie der Landschaft als Archäologie des bäuerlichen
Lebens. Die gotischen Kathedralen des Hochmittelalters sind komplex und
imposant. Das Waldviertel mit seinen viel früher kunstvoll und planmäßig von
Menschen angelegten und vernetzten Städten und Dörfern ist ein Kunstwerk, das in
seiner Komplexität und Großartigkeit aber jeden Dom Europas bei weitem
übertrifft! Das Material seiner Architekten und Steinhauer war ein mächtiger
Wald, unzugänglich, steinig, sumpfig, gebirgig, kalt. Pioniere erforschten die
Gegend, Lokatoren bestimmten die günstigsten Plätze und die günstigste Form für
die Dörfer. Adelige Familien waren die Bauherren, die das Gesamtprojekt
leiteten. Die Bauern statteten es aus mit Feldern, Wiesen, Gräben, Höfen, Wegen.
Was fehlt ist eine Art Denkmalschutz für Kulturlandschaft. Feld um Feld,
Wiese um Wiese versinkt unter undurchsichtigem, monotonem Fichtenwald. Jedes
Jahr wandert der Wald weiter herein in die Dörfer, mühsam gerodete und
kultivierte Flächen fallen wieder zurück in Wald. Der Waldviertler Dom verfällt
zusehends, doch keiner sammelt für ihn! Vielleicht weil es sich nicht um die
Kunst der besseren Gesellschaft, um ihre so genannte Hochkultur handelt, sondern
um die Kunst eines Standes, der Jahrhunderte lang den überwiegenden Großteil der
Bevölkerung darstellte und der von jedem, der keine Heugabel anpacken musste,
grausam verachtet wurde? Nach modernen betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten
ist die Bewirtschaftung der oft steilen Fleckchen unsinnig und keinem Bauern
zuzumuten. Wie kann man dann den Dom erhalten? Hier wird viel Innovationsgeist
gefragt sein, alle Intellektuellen und alle Organisationstalente sind
herausgefordert.
Was fehlt ist dann wenigstens eine Art Inventur oder Dokumentation des
Kunstwerks, damit spätere Generationen sich noch ein Bild machen können von der
gartenähnlichen Landschaft an der Lainsitz, wie sie heute noch ist, wenn diese
einst zu einem finsteren Areal für die Produktion von Zellstoff verkommen sein
wird. Was wäre mit einem mittelalterlichen Hof als Fremdenverkehrsattraktion,
was mit einer Schaurodung im Stile des 12. Jahrhunderts, was mit einem Dorf, das
sich die Erhaltung und der Pflege der traditionellen Arbeitsmethoden annimmt?
Was wäre mit einem Aktivurlaub mit manuellem Heuen, mähen wäre vielleicht nicht
so schnell zu erlernen, aber das Umdrehen des Heues und das Einbringen könnte so
manchen vom Stress seines modernen Berufes heilen!
Mit dieser Website möchte ich meinen Beitrag dazu leisten, dass dieses
Problem in das öffentliche Bewusstsein dringt und diese schreckliche Vision
eines toten Waldviertels nie Realität werden mag.
Hubert Martin Prinz
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