Lachen

Nun, ich bin im Haus meiner Großmutter aufgewachsen. Mir gehörte dort nichts. Natürlich ist das übertrieben: Zum Beispiel war die Luft herrenlos, war also auch für mich, ohne fragen zu müssen, einfach zum Atmen zu verwenden. Meine Cousins, die auch im Haus wohnten, hatten ihre Eltern da, ich nicht. Wer bei einem Streit immer der Schuldige war? Dafür brachte mir Oma viele wichtige Dinge bei: Zurückhaltung, Dankbarkeit, Selbstkontrolle, Demut, Schuldbewusstsein. Kennen Sie das Gefühl, etwas gestohlen zu haben, wenn Sie sich ohne Einkauf an der Supermarktkassa vorbei hinauszwängen? Lassen wir das. Das Schlimmste ist ohnehin vorbei: In Wien gab es noch bis vor wenigen Jahren Straßenbahnen, in denen beim hinteren Einstieg Schaffner in ihren hölzernen Kobeln lauerten. Hatte man eine Monatskarte, so musste man, ohne die Miene zu ändern, einfach an ihnen vorbeischreiten. Mit misstrauischem Blick musterten sie jeden Fahrgast, um potenzielle Schwarzfahrer anhalten und stellen zu können. Ein unsicherer Blick, eine unsichere Bewegung induzierte sofort erhöhte Aufmerksamkeit im Gegenblick, dem nur durch ein noch stärkeres Ungerührtsein in Mimik und Gehen zu entkommen war. Die Hölle besteht – für mich – einmal aus kontinuierlichem Vorbeigehen mit eingesteckter Fahrkarte an extra dazu verdammten Wiener Schaffnern!

Meine Kinder sollten es einmal besser haben! Ungezwungenheit, Selbstbehauptung, Spontaneität, Rückgrat und Selbstsicherheit besitzen. Nicht nur mit dem zufrieden sein, was ihnen zugedacht ist, sondern selbst ihren Platz erobern! Aber wie das, wenn Papa dann doch klein beigibt, wenn’s einmal um die Wurst geht?

Das fing im Sandkasten an und hört sicher nicht bei aktuellen Verwandtschaftsbesuchen auf. Anton liebte es, die Burgen der anderen zu zerbröseln, spielte am Liebsten mit den Schaufeln der anderen und behauptete überhaupt energisch jedes fremde Eigentum für sich. Bei den feinsten Anlässen machte er unbeschwert in die Hosen, nutzte Tische und Bänke für seine Zwecke und aß auch gerne mal etwas nicht nur vom eigenen. Er redete und redet mit jedem, ob im Bus oder auf der Straße. Später rief er laut durch Wartezimmer, wischte sich alles in die Ärmel, grüßte nicht und sagte nicht Danke. Seinem dazugekommenen Bruder schenkte er nichts, nein, er wollte alles von ihm! Unsere lieben Freunde, alles Pädagogen, verklemmten sich bis zur Verzweiflung, wenn sie uns besuchten und die Buben saßen nicht brav bei Tisch, sondern kämpften um ein mitgebrachtes Spiel oder stürmten durch die Wohnung.

Anton ist jetzt sieben und ein prächtiger Bub geworden. Am liebsten geht er immer noch sonntags um zwölf zu entfernt bekannten Nachbarn, wenn Papa und Mama nie auch nur auf die Idee kämen! Aber er ist beliebt bei der Lehrerin, weil er so interessiert sei. Wenn sie wüsste, wie schwer es oft war, diese Neugier zu erhalten! Papa musste mit ansehen, wie der Junge seine ersten großen O’s malte, zerdrückte und zittrige Krümmungen, allem ähnlicher als einem Kreis! Du musst ihn strafen dafür – du musst ihm’s zutrauen: Da hatte auch er ganz schön was zu lernen dabei.

Das Bauchweh vor dem ersten Schulgang nach Ferien wegreden, die Schwere beim Lernen des Einmaleins wegnehmen, kränkende Bemerkungen von Schulkollegen umdeuten und Entgegnungen aushecken. Wie das, wenn’s einem selber genauso ginge? Ja, die Kinder zwingen uns, selbst stark zu werden!

Und auch in anderer Hinsicht: Die alte Welt war die der Zurückhaltung, wo es nicht vorkam, dass einem jemand das Spielzeug wegnimmt oder sonst zu nahe tritt, sondern umgekehrt die anderen schon auf mich schauen. Was, wenn die anderen nicht mehr jede Regung unterdrücken und auch einmal wollen, was man selber nicht will? Oder einmal nicht kapieren, dass sie einem eigentlich etwas schuldig wären. Liebe Alten, es tut mir leid, aber wir sind doch groß genug, dass wir unsere Sache selber in die Hand nehmen können! Wer sagt denn, dass wir uns auf dem Kopf herumtrampeln lassen müssen?
Mir tun ihr wirklich leid, wenn über einen Bus ein Horde von brüllenden Schülern herfällt. Ihr sitzt da und zerfresst euch vor Ärger über die ungehobelte Jugend. Weiß Gott, was euch daran hindert, euren Mund aufzumachen und mit diesen lebendigen Buben einmal in Tuchfühlung zu gehen? Ach, ihr könntet selber noch lebendig werden!

Mir geht es jedenfalls so: Ich freue mich, das es gelungen ist, dass meine Buben einfach an der Kassa vorbei hinauslaufen, wenn wir nichts gekauft haben, und ich bin sicher, sie würden sich auch riesig freuen, wenn die Wiener Straßenbahn noch Schaffner hätte, um deren Kappen sie sie bestürmen könnten!