Steinerne Zeugen der Vertreibung, Kulissen des Kalten Krieges
Sommerausflug an den Oberlauf der Lainsitz



Die Lainsitz verbindet mit ihrem blauen Band Böhmen und Niederösterreich: Sie entspringt in der Nähe von Karlstift, wechselt bald nach Böhmen, bleibt dort fünf Kilometer nahe der Grenze, wechselt bei Joachimstal nach Niederösterreich, bleibt 35 km hier und geht dann endgültig bei Gmünd nach Böhmen, um zuletzt in die Moldau zu münden.

Ein Ausflug an den Oberlauf der Lainsitz ist ein Ausflug zu den steinernen Zeugen der Vertreibung der deutsch sprechenden Bevölkerung nach 1945 und zu den Kulissen des Kalten Krieges am Eisernen Vorhang.

Das erste Stück als „Lainsitz“ in Österreich: Nur Natur, nur einsamer Wald. Die ganze Gegend ist Abwanderungsgebiet. Einer der Gründe: Fünfzig Jahre verlief hier die undurchdringliche Grenze zwischen den feindlichen Blöcken von Ost und West. Heute, wo die Grenze offen wäre, ist sie immer noch tot. Zwei Völker leben weiter in gegenseitigem Misstrauen nebeneinander.

Das zweite Stück als „Lužnice“ in Tschechien: Nur Natur, nur einsamer Wald. Man fährt über den kaum frequentierten Grenzübergang Pyhrabruck nach Böhmen, danach auf immer enger und schlechter werdenden Straßen durch endlosen Wald nach Pohoři na Šumavě. Oder vielmehr zu den Ruinen dieses einstigen Dorfes, das im Deutschen Buchers hieß.

Einst lebten hier über Tausend Menschen, es gab über vierzig Gewerbe in diesem Marktflecken, an die zweihundert Häuser. Nach der Vertreibung der deutschen Landsleute wurden die Häuser geschliffen, ihr Hausrat geplündert. Eine verfallene Allee, die Mauern der großteils eingestürzten Kirche, der zerstörte Friedhof, der Schutt der ehemaligen Schule, sonst ist nichts mehr übrig vom ehemals blühenden Leben in Buchers. Aus einem Container überblickt ein tschechischer Grenzpolizist die Ruinen: Fürchtet man die Rückkehr der Vertriebenen?

Unbedeutend, aber doch auch Symbol des Konfliktes, sind relativ neue Schilder, die zur Quelle der Lainsitz, Pramen Lužnice, zu führen behaupten. Beide Nationen scheinen um die Ehre zu streiten, die Quelle der Lainsitz auf Ihrem Staatsgebiet zu besitzen! Das kann aber auch verbinden: Die Lainsitz hat nicht nur zwei Namen, sondern auch zwei Quellen! Von einer zweiten, österreichischen Mündung ist allerdings nichts bekannt.

Hinunter zur Lainsitz, den Bach entlang: Überall Spuren von früherem Leben, wo heute nur einsamer Wald ist. Brücken aus behauenen Steinen, schön gesetzt, führen unbedeutende Waldwege über die Lainsitz. Ruinen, vermodernde Masten, ein wunderbarer Teich an der Lainsitz. Nach der Vertreibung war die Gegend zur verbotenen Grenzzone erklärt worden, in die kein Sterblicher seinen Fuß setzen durfte. So mussten auch die Tschechen wegziehen, die Todeszone war menschenleer.

Vielleicht besteht jetzt die letzte Chance die schaurige Kulisse des Kalten Krieges anzuschauen! Noch stehen die verlassenen Mannschaftswagen, die Unterstände, die hölzernen Wachtürme, die verrosteten Container aus Blech verstreut am Weg entlang der Lainsitz. Der junge Staat hatte anderes zu tun, als die schaurigen Beweisstücke des Totalitarismus wegzuschaffen. Besonders in dem Tal, wo die Lainsitz nach Österreich wechselt, dürften die Kommunisten einen Angriff des Westens befürchtet haben, rund um eine sonnige Lichtung stehen bedrohlich die vielen Verstecke der Grenzsoldaten. Man erschrickt, die Szenerie ist beklemmend, doch heute geht keine Gefahr mehr von ihr aus.

Die Lainsitz wird von den niederösterreichischen Anwohnern am darauf folgenden Flussabschnitt wegen ihres urwüchsigen Laufes und ihrer Schönheit geliebt. Die Lužnice gilt an ihrem Unterlauf in Südböhmen als einer der schönsten Flüsse. Vielleicht kann die gemeinsame Liebe zu diesem ungewöhnlichen Fluss die beiden Völker wieder zusammenführen.

Auch in der Zeit der gegenseitigen Verwundungen und der totalen Trennung im letzten Jahrhundert war die Lainsitz/ Lužnice ein niederösterreichisch-böhmischer Fluss geblieben, der seine beiden Heimatländer nicht verleugnete. Die Lužnice lädt nun die Böhmen ein, ihre Österreichische Seite kennen zu lernen, die Lainsitz lockt die Österreicher zu ihren Tälern in Böhmen, die ihnen unbekannt sind.

Es gibt nicht nur Temelin, das uns trennt, es gibt auch die Lainsitz, die uns verbindet.