Verteidigung einer Jugendliebe

Stellen Sie sich vor, der Name einer lang vergessenen Jugendliebe taucht plötzlich in Ihrer Zeitung auf, unerwartet, erstmals und noch dazu in zweifelhaftem Zusammenhang: Der Kärntner Landeshauptmann habe, so wird dort gemutmaßt, einmal in seiner Zeit als Universitätsassistent ein Techtelmechtel mit ihr gehabt! Gerade von ihr habe er gelernt, rücksichtslos Macht auszuüben, und dies noch dazu und vor allem im negativen Sinn! So passiert es mir!

Aufgewühlt und aufgebracht schaue ich nach, ob schon öfter über meine geliebte Person schlecht geschrieben wurde, ohne dass ich es bemerkt hätte. Nein, das Online-Presse-Archiv kennt nur diese eine, aktuelle Erwähnung. Vielleicht liest der Klügere bei der rosa Konkurrenz nach: Nein, auch dort schwieg man bis jetzt oder man wusste nichts über diese Beziehung, zumindest in der letzten 1/4 Million Artikel.

Schau in die Krone: Der Puls fängt an zu rasen. Ihr Name scheint im Suchergebnis auf! Vor zwei Jahren, Konzert Stift Heiligenkreuz, Betrachtungen mit Musik von ihr. Treibt sich mit Haider herum, macht auch noch Musik, und ich weiß nichts davon! Ein Anruf klärt auf: Es ist nur (Nach-)Namensgleichheit mit einem kontemporären Künstler. Beim Nachforschen im Archiv der Zeitung aus der Festspielstadt erwarte ich mir also wenigstens einen Treffer zum Namensgleichen. Aber nicht einmal das.

Nirgends fiel ihr Name, zumindest nicht in der Zeitungswelt, die übers Internet erreichbar ist. Nur hier, in meiner Zeitung, in diesem Februar.

Sogar die bunten Klatschblätter dürften, wie es scheint, die frühe Liaison Haiders mit dem Abgott meiner Jugend verheimlicht haben.

Wen hat hier die Presse ans Licht gezerrt, wer ist fähig, Haider vom guten Weg abzubringen? Die große Liebe meiner Studentenzeit, von der hier die Rede ist, galt nun nicht einem leichten Mädchen, das im rechten Lager auf Männerfang ging, sondern Max Stirner, oder vielmehr seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“, das mich mit meinen zwanzig Jahren wie kein anderes Buch beflügelte, verstörte, fesselte. Ich habe es mehrmals erworben, in der Reclam-Ausgabe von 1981, klein, gelb, mitteldick. Zwei Exemplare stehen noch in meinem Regal, eines davon abgegriffen und mit Bleistiftanmerkungen versehen. Sie waren in einer, damals so genannten, Lesegruppe entstanden, in der nacheinander, begleitet von hitzigen Debatten, Marx, Alfred Adler, Malatesta, Ramus und schließlich auch Stirner gelesen und ausgelegt wurden.
Eine Studentin aus der Marxistischen Gruppe, die ebenfalls zu unserem Diskussionskreis gehörte, wurde bei Stirner ungewöhnlich nervös, voreingenommen, ließ sich auf keine noch so unverfänglich scheinende Behauptung ein. Ich, damals vollkommen offen und ohne ideologische Bindung, verstand nicht, woher diese Vehemenz kam, was diese sonst so rationale Marxistin auf einmal in fast religiösen Abwehreifer gegen dieses Buch versetzte, als müsste sie ihre Seele retten.

Ich hatte den Einzigen immer in der Tasche, kaum jemand kannte ihn, die radikalen Gedanken ließen die Leute aufschrecken und mich irgendwie interessant erscheinen. Am liebsten konfrontierte ich Studienkolleginnen: Ich wusste schon, was man ihnen vorlesen musste, damit ihnen das Blut gefror, und sie mich für einen ganz Unkonventionellen hielten, der solche radikalen Ideen aushielt. Alle meine Jugendlieben, nun die im üblichen Sinn, werden bezeugen, dass ich nichts lieber mit ihnen tat, als über Stirners Einzigen zu diskutieren.

Wieso die Marxistin direkt körperlich aversiv reagierte? Nun, Gott Marx, wirklich ein Zeitgenosse Stirners, wie in dem erwähnten Artikel mit dem schaurigen Titel Die Lefzen triefen bereits - übrigens von Thomas Chorherr –zu lesen war, hatte sich Stirner als „Heiligen Max“ in seiner „Deutschen Ideologie“ sehr umfangreich und mit beißender Gehässigkeit vorgeknöpft. Seine Replik zum Einzigen geriet ihm sogar länger als der Einzige selbst. Doch er veröffentlichte sie nicht, es schien ihm wohl effektiver, sich selbst zwar für den täglichen Diskurs zu munitionieren, Stirner aber durch Nichtbeachtung zu schwächen. Erst 1903 wurde sein Manuskript „Sankt Max“ bekannt, noch viel später vollständig publiziert. Die Strategie hatte Erfolg: Eine Abfrage im Online-Archiv dieser Zeitung zum Stichwort Marx liefert im Gegensatz zu Stirners einmaliger Erwähnung mehr als 200 Fundstellen in den letzten Jahren!

Wer die ersten Seiten des Einzigen liest und Nietzsche kennt, wird sofort ein starkes Gefühl der Verwandtschaft spüren. Es kann nicht eindeutig bewiesen werden, dass der Schöpfer des Zarathustra den viel früheren Stirner (Nietzsche wurde in dem Monat geboren, in dem der Einzige herauskam) gekannt hat – aber vieles deutet darauf hin, dass er wie viele andere von Stirner inspiriert und erschüttert, selbst eine eigene Philosophie als Reaktion auf ihn entwarf aber seinen Impulsgeber lieber verschwieg. Bernd A. Laska spricht von einem Bann über den Einzigen, dessen Ursache und Finalität es zu verstehen gelte, damit der Schatz, der noch immer im einzigen Buch Stirners unverstanden liege, endlich gehoben werden könne.

Ich kann mich trösten: Chorherr kennt meine Jugendliebe nicht persönlich, denn sonst wüsste er, daß sie den Satz: „Mir geht nichts über mich, und leide auch das ganze Land Schaden“ niemals geschrieben hat und ihn daher Haider nicht eingeflüstert haben kann, wie er in seinem Artikel unterstellte. Irgendwie ist die marxistische Verunglimpfung Stirners auch bei ihm gelandet, Stirner rechtfertige die kleinbürgerliche, faschistoide Borniertheit und liefere das Volk totalitären Führern aus. Marx brauchte für seine Pläne einer organisierten Arbeiterklasse keine mündigen Menschen, sondern solche, die aus „Einsicht“ in ihr historisches Schicksal sich voll der Partei und ihren Führern anvertrauen. Marx entwickelte tatsächlich nach der Lektüre des Einzigen, als direkte Reaktion auf ihn das Konzept des Historischen Materialismus, wonach die Geschichte der Menschheit durch fortschreitende Wirtschaftsentwicklung determiniert sei. Der Mensch verkümmerte bei ihm zum subjektiven Faktor, wogegen bei Stirner der Einzige jener ist, der alles aus sich selbst heraus erschafft, Eigner seiner selbst ist und daher auch die einzige treibende Kraft der Geschichte sein kann. Nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, aber es sind auch nicht Ideen, die sich in der Geschichte realisieren, sondern alles ist bestimmt durch mich und die anderen unzähligen Ichs, die diese Welt ausmachen.

„Mir geht nichts über mich!“, das steht nun tatsächlich als Abschluss seiner programmatischen Vorrede Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt, und er beginnt: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.“ In Fortführung der Aufklärung, die den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Abhängigkeit herauszuführen sich imstande fühlte, geht Stirner den Weg der Aufdeckung von Denk- und Handlungsverboten weiter und zeigt, dass im Extremfall sogar die Menschlichkeit zu einem Herren werden kann, dem man zu dienen sich selbst versklavt.

Von einem Bauernhof im Waldviertel kommend, wo Kinder nichts sind, als billige Knechte, die den Eltern zu gehorchen haben, wo Kinder von Lehrern dressiert werden, die sich zu gut wähnen, Bauernkinder („Bauernschädeln“) zu unterrichten, wo man aus dem selben Grund lernt, mit der rechten Hand die Gabel zu halten wie man lernt zu gehorchen: Um später bei Herrenleuten einen fügsamen und in den Umgangsformen unauffälligen Bediensteten abgeben zu können, wo ein Kind „die Pappen zu halten“ hat bei Tisch, Nachhilfe in Form von Prügeln bekommt, damit die Noten besser werden, ohne Ansprache aufwächst, nur der einfachen Berufe für zugelassen sich zu fühlen lernt, in den Lehrjahren nichts zurückzureden hat, dann später vielleicht selbst Lehrlinge traktiert, von dort her kommend ist es eine Erlösung, zu lesen, dass Ich zu denken keine Sünde sein kann, keine Dienstverweigerung, Insubordination, ohne mit Selbstbestrafung gesühnt zu werden reuelos getan werden kann.

Dort draußen lernt man, daß Gott die anderen sind, jedes Recht über einen haben, jede Missetat immer auch potentiell von einem selbst begangen wurde, lernt man, daß sorgloses Spielen zur Sünde wird, weil es Zeit totschlägt, die mit Arbeit zu füllen wäre. Arbeit, weil es Menschenpflicht ist, zu arbeiten. Nicht für Lohn, sondern um die ererbte Grundschuld des Daseins abzuarbeiten. Nein sagen: Du traust dich zurückzureden? Der Stock, der Ochsenziemer, die Peitsche, die gegerbte narbige Hand des Vaters, der Keller, der Entzug kleiner Freiheiten, die Hölle, der Teufel, der Schwarze Mann, Gott, Jesus, die Urgewalt des unerträglich lauten Drohschreies, die Todesdrohung, die Herabsetzung, die Stigmatisierung, das Zurückstoßen, das Gelächter: Wo ist da Licht, Aufklärung, Freiheit, Eigenheit?

Ich liebe ihn noch immer, meinen Stirner. Ihn, der sogar die Hypostasierung der Menschlichkeit zum Heiligtum als Selbstunterwerfung entlarvte, ihn erlebe ich als den Inbegriff an Menschlichkeit? Ja: Weil er zeigt, dass, so wie es ist, kein einziger auch nur irgendeinen Rechtsanspruch an mich haben kann, daß selbst der, der sich als König wähnt, ebenso nur ein Ich ist unter anderen, der meine Liebe erst erkaufen muss, will er sie erwerben. Weil alle Last abfällt, alles Streben nach vorne, nach oben, zum Guten nicht mehr als Pflicht, sondern, wenn man es trotzdem tut, als gewollt sich äußert.

Seine Kritik am Sozialismus, der alle zu Lumpen mache, hat Stirner zum Paria der Philosophie werden lassen. Und doch hatte er seine Renaissance nach 1968 auch den Kommunisten zu verdanken. Er sollte herhalten als Negativschablone Marxens, sollte vorgeführt und abgewatscht werden, wurde aber bei Reclam ab 1972 zum Verkaufsschlager, ironischerweise ganz gegen den Sinn des Herausgebers, der die Notwendigkeit einer Neuauflage 1981 in einem ergänzten Nachwort sogar schmerzhaft bedauert! Schon vorher hatte der Marxist Helms mit einer dicken Kampfschrift Stirner zum Vorläufer allen Faschistischen zementieren wollen und so den schon verschollenen Stirner erst wieder bekannt gemacht.

Würden sich doch nur ein paar mehr um ihre Sache gekümmert haben und nicht wie die Lemminge dem großen Führer gefolgt sein, unserem Erdteil wäre viel erspart geblieben. Für die Marxisten ist aber nur entscheidend, daß das dumme Volk nur dem Falschen folgte, erkennen solle, wer der richtige Führer sei: Karl bewahre, die Menschen nähmen ihre Sache selbst in die Hand und gingen nicht mehr knien zu ihren väterlichen Herren Großgenossen. Gerade dieses Problem der Emanzipation hat Stirner klar und schonungslos herausgearbeitet: Der Freigelassene fängt mit sich selbst nicht mehr an als der Hörige. Die kommunistische Bewegung will eine Revolution, ein Auswechseln der Nutznießer und nicht eine Erhebung der vielen Selbst gegen jeden ungewollten Nutzer.

Daß Stirner nun auch ein Vorbild Haiders sein könnte, dürfte aus dieser Küche kommen. Leider ist mir nicht bekannt, ob Haider Stirner gelesen hat und wenn, wie er zu ihm steht. Inhaltlich ist dem erhobenen Vorwurf zu entgegnen, dass Stirner in keiner Weise eine Staatstheorie aufstellt, die von Führern jeglicher Art genutzt werden könnte. Stirners Einziger ist nicht der Fürst Machiavellis, sondern der konkrete Mensch, als eigenständiges Subjekt begriffen und wendet sich an jeden, unabhängig von seiner sozialen oder politischen Stellung. Der Einzige ist keine Anleitung zur Staatsmacht sondern zur Macht des Einzelnen unter Einzelnen. Mit Stirner ist überhaupt kein Staat in unserem Sinne zu machen, höchstens er wäre ein freiwilliger Verein von Einzigen.

Ich hatte vergessen, nachzusehen, wo man’s erfährt: Und wirklich, 1992 fiel einmal in der Tirol-Ausgabe des Kurier der Name Stirner. Jemand führte in Tirol das Panizza-Stück „Das Liebeskonzil“ im Tiroler Landestheater auf. Der Germanist Bauer verteidigte die Inszenierung damals mit dem Argument, daß man auch Marx, Feuerbach und Stirner verbieten müsse, wenn man dieses Stück unterbinde. Nun, wenigstens die Tiroler Leser der richtigen Zeitung erfahren seinen Namen und wissen ihn richtig einzuordnen: Er gehört zur Panizza-Marx-Feuerbach-Stirner-Bande. Ob Haider auch zu der gehört, gehören kann? Wer den Überblick hat, so ziehe ich den Schluß, liest nicht nur die richtige Zeitung, sondern informiert sich auch dann und wann einmal selbst: Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Reclam 3057.