Kategorie: "Spital bei Weitra"

Johann, der Ältere

August 10th, 2023

In dem Blogbeitrag "Diese Drei machen aus Schicklgruber Hitler" schrieb ich noch, dass für den Zeugen Johann Breiteneder zwei Personen in Frage kämen. Nach Einsicht in das Lagalisierungs-Protokoll ist es nun eindeutig: Zeuge war der ältere, aus Spital Nr. 47 Kommende:

Johann, der Ältere

Johann "Broadneder", Kleinhäusler und Weber, ist 1800 auf Spital 47 geboren und 1886 als Armenhauspfründler auf Spital 41 gestorben.
Sein Vater war Martin Breiteneder (1774-1859), seine Mutter Maria (1774-1816) eine geborene Ledermüller. Ihr Vater und der Großvater Anton Ledermüllers, des Lehrherrn Alois Schicklgrubers, sind Brüder gewesen.
Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des notariellen Schreibens war Johann B. 76 Jahre alt. Seine Signatur unter dem Legalisierungsprotokoll wirkt jedoch äußerst jugendlich:

Johann, der Ältere

 

Diese Drei machen aus Schicklgruber Hitler

August 1st, 2023

Am 6. Juni 1876 bezeugen drei Männer aus Spital beim Notar Penkner in Weitra, dass Georg Hitler (1792-1857, Familienname sonst üblich als Hiedler, Hüttler, Hirdler usw. geschrieben) der leibliche Vater des Alois Schicklgruber gewesen sei. Am nächsten Tag trägt daraufhin der Döllersheimer Pfarrer die posthume Legitimierung ins Taufbuch ein. Der Zollbeamte Schicklgruber kann sich ab nun Hitler nennen.

Wer waren die drei Zeugen?

Joseph Romeder

Er ist am nächsten mit den Spitaler Hiedlern verbunden. Geboren ist er am 21. Februar 1834 in (Ober) Windhag 10 als Sohn des Bauern Jakob Romeder und seiner Frau Barbara, geborene Pölzl, die aus Schöllbühel stammt. (↑)

Am 25. Jänner 1853 heiratet er 18-jährig die 20-jährige Walpurga Hüttler (↑) (im Trauungsbuch so geschrieben), die Tochter des Johann (Nepomuk) Hüttler, des Ziehvaters von Alois Schicklgruber auf Spital 36. Alois Schicklgruber, geboren 1837, ist vor kurzem ausgezogen und nach Wien gegangen, bzw. es ist möglich, dass er zu dieser Zeit noch im Haus Spital 36 wohnt.

Da Johann (Nepomuk) Hüttler ohne Sohn ist, seine älteste Tochter Johanna 1848 schon auf den Nachbarhof des Johann Pölzl geheiratet hat und die jüngste Tochter Josepha ehelos 1859 stirbt, übernimmt Romeder zusammen mit seiner Frau den Hof.

Walpurga stirbt am 30. November 1900 (↑) noch am Hof in Spital 36, Joseph Romeder allerdings nicht mehr dort, sondern am 18. Mai 1911 als Ausnehmer in Walterschlag 4 (↑). Die Ehe war kinderlos geblieben, Romeder hatte das Haus an Anton Stütz aus Harmannstein verkauft.
[Dorferneuerungsverein „Spital Aktiv“: Spital und seine Bewohner (Spital 2004) S.: /Ahnen/Ahnen/ab3556.htm. Im Eigenverlag herausgegebene CD, unter anderem mit umfassender Dokumentation aller Einwohner und ihrer Lebensdaten.]

Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des notariellen Schreibens ist er 42 Jahre alt.

Johann Breiteneder

Zeitlich kommen zwei Personen in Frage(1774-1816):
[Spital und seine Bewohner  S.: /Ahnen/Ahnen.htm#Breiteneder.]

  1. Johann Breiteneder, Kleinhäusler und Weber, geboren 1800 auf Spital 47 und gestorben 1886 als Armenhauspfründler auf Spital 41.
    Sein Vater ist Martin Breiteneder (1774-1859), seine Mutter Maria (1774-1816) war eine geborene Ledermüller.
    Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des notariellen Schreibens wäre er 76 Jahre alt gewesen.
  2. Johann Breiteneder, geboren am 5. Juli 1822 auf Spital 34 (↑). Seine Taufpaten sind Martin und Theresia Prinz, geborene Hüttler, die Eltern des späteren Taufpaten von Adolf Hitler. Johann ist der Sohn des Anton Breiteneder aus Spital und dessen Frau Juliana, geborene Klein aus Langfeld.
    Am 20. November 1869 heiratet er in Weitra (↑). Seine Braut Theresia ist eine Nichte des Lehrherren von Alois Schicklgruber, Anton Ledermüller. Theresia ist nämlich die Tochter von Antons Schwester Josefa Ledermüller, welche 1831 den Weber Josef Pautsch geheiratet hat. (↑)

    Johann Breiteneder stirbt am 29. Juni 1896 (↑) mit 74 Jahren als Hausbesitzer und Tagelöhner in Weitra in der Bergzeile 41.
    Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des notariellen Schreibens wäre er 42 Jahre alt gewesen.

Engelbert Pautsch

Engelbert Pautsch gehört, wie obiger Johann Breiteneder, ebenfalls mittelbar zur Familie der Ledermüller. Er ist ein Neffe des Lehrherren Alois Schicklgrubers, Anton Ledermüller. Engelberts Vater, der Weber Josef Pautsch, hat, wie oben beschrieben, 1831 die Schwester Antons, Josefa Ledermüller, in Spital geheiratet. Engelbert am 18. Oktober 1834 (↑) wurde aus dieser Ehe geboren und war als Erwachsener Schmid auf Spital 16, später Kleinhäusler in Spital 49.

Er stirbt an dieser Adresse am 14. Februar 1917 (↑).

Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des notariellen Schreibens ist er 41 Jahre alt.

Über das Motiv der drei Herren wird seit dem Bekanntwerden des Vorgangs vor etwa hundert Jahren gerätselt.

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Wir haben zwei Kinder des Paares Josef Pautsch und Josefa Ledermüller von Spital 16 kennengelernt. Nebenbei sei erwähnt, dass eine Tochter von ihnen, Juliana Pautsch, geboren am 24. Mai 1839, samt der großen Familie ihres Mannes Franz Bruner (↑) nach Wisconsin / USA emigrierte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Alois Schicklgruber als Schusterlehrling 1850 bis 1852 in Spital

Juli 25th, 2023
Alois Schicklgruber als Schusterlehrling 1850 bis 1852 in Spital

Im Stadtarchiv Weitra befindet sich unter der Inventarnummer 11/20 das „Handwerksbuch bei der Innung der bürgerlichen Schuhmacher Meister Stadt Weitra, errichtet 1839“.

Der Schuhmachermeister Anton Ledermüller in Spital war von 1839 bis 1863 Mitglied der Weitraer Innung.

Es finden sich in diesem Handwerksbuch zwei Einträge zu Hitlers Vater Alois Schicklgruber.

Anton Ledermüller nahm ihn am 19. Mai 1851 nach einem Probejahr als Lehrbuben auf:

Alois Schicklgruber als Schusterlehrling 1850 bis 1852 in Spital

[1]851 Am 19. Mai [...]
Nach 1 Probejahr {Lässt Anton Ledermüller v. Spital den Alois Schicklgruber v. Döllersheim aufdingen und zahlt 1 f. 30 x}

 

Anton Ledermüller erklärte ihn am 28. März 1852 feierlich zum Gesellen und sprach ihn von seinen Pflichten als Lehrjungen frei:

Alois Schicklgruber als Schusterlehrling 1850 bis 1852 in Spital

[1]852 Am 28. März [...]
Lässt Anton Ledermüller v. Spital seinen Lehrjung Alois Schicklgruber v. Döllersheim freisprechen und zahlt 1 f. 30 x

 

Die eineinhalb Gulden waren für diese Anlässe die festgelegte reguläre Gebühr.

Anton Ledermüller wurde am 12. Juni 1805 in Spital 28 als Sohn des Josef Ledermüller und der Anna, geb. Klein, geboren. Erst mit 40 Jahren heiratete er 1845 als Schuhmachermeister in Spital 28 die drei Jahre jüngere Josefa Fuchs aus Mistelbach. Die Ehe blieb kinderlos. Er starb am 4. April 1880 als Ausnehmer in Spital 49 an Altersschwäche.

 

 

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Mit großem Dank an Dr. Wolfgang Katzenschlager, dem Stadtarchivar von Weitra, der diese Einträge entdeckt hat!

 

War Hitler im Sommer 1901 bei Verwandten in Spital am Semmering? Oder doch im Waldviertel?

Juni 11th, 2023

Seit 2016 gibt es das vierbändige Werk "Hitler - Das Itinerar : Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945". Die Gesamtausgabe kostet etwa 400 €.

Leider hat das wichtige Nachschlagwerk zur Biografie Hitlers grobe Fehler parat, wenn es um dessen Jugend geht. Ein Beispiel:

Im August 1901 war Hitler in Spital bei Weitra bei seiner Tante. Wahrscheinlich ja. Aber:

War Hitler im Sommer 1901 bei Verwandten in Spital am Semmering? Oder doch im Waldviertel?

Die Illustration hat mich irritiert, weil ich Spital doch ein wenig kenne. Die Berge, die große Kirche, der schlanke Turm. Um ganz sicher zu gehen, suchte ich nach Fotografien von Kirchen aus den anderen Orten namens Spital in Österreich. Und wurde fündig:

War Hitler im Sommer 1901 bei Verwandten in Spital am Semmering? Oder doch im Waldviertel?
War Hitler im Sommer 1901 bei Verwandten in Spital am Semmering? Oder doch im Waldviertel?

Es ist die Kirche von Spital am Semmering! Man erkennt es eindeutig an den fünf Dachluken. Etwas peinlich, oder? So sieht übrigens unsere Spitaler Kirche wirklich aus:

War Hitler im Sommer 1901 bei Verwandten in Spital am Semmering? Oder doch im Waldviertel?

Und noch etwas: Das Kürzel ZF im Text steht für Zugfahrt. Die Zugfahrt soll von Leonding nach Weitra gegangen sein. Dumm, dass die Bahn von Gmünd nach Weitra erst 1902 eröffnet wurde.

Ganz zu schweigen davon, dass im August in keinem Ort Spital in Österreich so viel Schnee liegt.

Die Taufpaten von Adolf Hitler

Mai 17th, 2023

In einem relativ neuen, angesehenen Nachschlagewerk, dem Itinerar von Harald Sandner aus dem Jahr 2016, liest man, dass Adolf Hitler, als er im Mai 1906 das erste Mal von Linz kommend Wien besuchte, bei Johann Prinz gewohnt habe.1 Der genaue Ort sei unbekannt.

In dem 2022 erschienenen, von Oliver Rathkolb und Johannes Sachslehner überarbeiteten Buch Brigitte Hamanns, Hitlers Wien, ist zu dieser Reise zu lesen:
„Wo Hitler in Wien wohnte, ist unbekannt. Dass er bei seinem Taufpaten Johann Prinz Unterkunft fand, wie oft behauptet, ist kaum möglich. Denn das Ehepaar Prinz, das 1885 auf einer Urkunde als „Bademeistersehepaar im Wiener Sofienbad“ erwähnt wird, wohnhaft im 3. Bezirk, Löwengasse 28, ist 1906 nicht mehr an dieser Adresse nachzuweisen, und auch andere Informationen fehlen.“2

Roman Sandgruber wusste ein Jahr vorher, 2021, schon mehr:
„Im Mai 1906 fuhr Adolf nach Wien und besuchte Museen und andere Sehenswürdigkeiten der Stadt. […] Der Aufenthalt war teuer, sicher an die 100 Kronen, auch wenn er wahrscheinlich bei seiner Taufpatin leben konnte, die in diesem Jahr noch an ihrer Adresse im dritten Bezirk gemeldet war.“3 Also war Johanna Prinz doch registriert?

Am meisten, speziell über den Taufpaten Johann Prinz, zu erzählen weiß drei Jahre früher, nämlich 2018, Volker Elis Pilgrim: „Als Hitler sich zwischen 1. und 10. Mai 1906 erstmals in Wien aufhielt, um eines Tages seinen Weg zur dortigen Kunst- Akademie einzuschlagen, wohnte er bei Johann Prinz, (Sandner I, S. 78) seinem Taufpaten, einem ehemaligen Freund seines Vaters. (Bavendamm, S. III, B. 4) Der Pate Johann Prinz wirkte auf seinen inzwischen 17-jährigen Patensohn ein, das Abitur nachzumachen, um eines Tages das Bauingenieur-Fach studieren zu können, denn davon, »Baumeister werden zu wollen«, faselte Hitler noch bis ins »hohe Alter« hinein.“

Pilgrim will mit seinem Buch beweisen, dass Hitler homosexuell war. Als einen von vielen Belegen führt er an, dass der 17-Jährige damals in Wien sich überhaupt nicht für Mädchen interessiert habe und dagegen fast jeden Tag eine Karte an seinen in Linz zurück gelassenen Freund Kubitschek schrieb. „Jetzt hätten sich »in der sechstgrößten Stadt der Erde« (Sandner) Massen von Gelegenheiten für den 17-Jährigen geboten, sich nach einem Wiener »Madl« (Brandmayer) umzuschauen. Hatte auch Patenonkel Hans nichts junges Weibliches unter sich, nichts neben sich bei seinen Verwandten, Freunden und Nachbarn? Hitler verlässt seinen Patenonkel in Wien, ohne auch nur »Schnitzel« von einer Großstadt-möglichen »Jagd« nach Weiblichem hinter sich gestreut zu haben.4

Ich habe viele Stunden damit verbracht, die Geschichte der Taufpaten Johann und Johanna Prinz aus den Matriken der katholischen Kirche zu rekonstruieren. Hier ist das Ergebnis: Alois Schicklgruber und seine Spitaler Prinzen in Wien

Es ist ein Blick ins 19. Jahrhundert mit seiner grassierenden Kindersterblichkeit.
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Literatur:
Brigitte Hamann, Johannes Sachslehner, Oliver Rathkolb, Hitlers Wien (Wien, Graz 2022).
Volker Elis Pilgrim, C: Von der Männerliebe zur Lust am Töten (Hamburg 2018).
Roman Sandgruber, Hitlers Vater: wie der Sohn zum Diktator wurde (Wien, Graz 2021).
Harald Sandner, Hitler - Das Itinerar: Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945 (Berlin 2016) Bd. 1.
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1 Sandner, S. 77

2 Hamann, S. 67. Die Fußnote dazu: „Bundesarchiv Koblenz, Akten des Parteiarchivs der NSDAP NS26/17a. Berufsangabe laut Taufschein von Gustav Hitler von 1885 und Wien Stadt- und Landesarchiv Meldearchiv.“ In der Taufmatrik von Braunau am Inn sind die Taufpaten Gustav Hitlers als Bademeisterseheleute eingetragen. (Taufregister 03, 1881 – 1891, fol. 75, laufende Nummer 42), online abrufbar unter https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/oberoesterreich/braunau-am-inn/103%252F03/?pg=99 (zuletzt April 2023).

3 Sandgruber, S. 67.

4 Pilgrim, S. 109.